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Zeilenzauber: Wenn Poetry Slam zum Berufseinstieg wird




Wir haben zwei gefragt, die es wissen müssen. Christian Ritter hat die Poetry Slam-Szene mitgestaltet und moderiert heute viele Slams. Er verdient so sein Geld, schreibt auch noch eigene Romane und sieht sich als Bühnenautor. Julia Engelmann bezeichnet sich als Vollzeitpoetin, tourt mit einem Bühnenprogramm und wurde vor allem als Poetry Slammerin bekannt. Beide haben 2013 am 5. Bielefelder Hörsaal-Slam teilgenommen, der viral ging. Also gibt es ihn ja anscheinend doch – den Beruf des Dichters? 

 Das ist genau das Richtige für mich!

 

Foto links: Afra Bauer, Foto rechts: Ben Wolf

Wie seid ihr zu Poetry Slam gekommen?

Julia: Ich hatte schon vorher das Gefühl, dass ich gerne schreiben möchte und wusste nicht so recht was. Ich mochte schon immer Gedichte, aber es fragt einen ja keiner: Möchtest du Dichter werden? Durch Poetry Slam bin ich dann eher zufällig darauf gekommen und dachte sofort: Oh, das möchte ich auch machen! Ich hab mich nach der Entdeckung dann sofort angemeldet und bin nächsten Monat direkt aufgetreten. Vorher wusste ich gar nichts darüber.Christian: Damals bei mir in der Stadt war ein Poetry Slam und den habe ich mir dann erst mal angeschaut. Danach dachte ich: Das ist genau das Richtige für mich und habe mich für den nächsten direkt angemeldet, einen Text geschrieben und vorgetragen. Man muss dazu sagen, dass Poetry Slam nicht immer Gedichte bedeutet. Poetry Slam ist eine Plattform für jemanden, der selbst gerne schreibt und das müssen nicht unbedingt Gedichte sein.

Wie war es für euch, Texte vor Fremden vorzutragen? Wart ihr nervös?

Christian: Das Schreiben war weitaus weniger die Herausforderung als dann der Vortrag. Man ist es ja einfach nicht gewohnt vor anderen Leuten zu sprechen. Klar gibt es in der Schule Referate, aber das ist ja noch etwas anderes. Das war einfach unheimlich aufregend für mich und ich habe vor dem Auftritt Blut und Wasser geschwitzt.Julia: Ja, es war und ist einfach aufregend. Jetzt kommt es mir nicht mehr immer so aufregend vor, weil ich mich mit manchen Texten einfach sehr vertraut fühle, die ich öfter schon vorgetragen habe. Aber so der erste Moment etwas vorzulesen ist immer spannend.

Habt ihr Tipps für Neueinsteiger?

Julia: Man muss sich einfach sagen: Es passiert ja nichts! Ich habe mich auch schon versprochen oder etwas vergessen. Aber das geht dann ja auch vorbei und dann geht der nächste Morgen los. So wie bei einem Gruppenfoto. Da gucken ja auch immer alle auf sich und eigentlich interessiert es einen nicht so, wie die Haare bei den anderen liegen. Also interessiert sich auch keiner so sehr dafür, ob du mal einen kleinen Fehler gemacht hast. Kurz: Vertrauen haben.Christian: Man sollte keine Angst haben, den Text vorher auch mal vor anderen oder dem Spiegel zu üben. Gerade weil man dann ja auf der Bühne vor fremden Menschen steht und sich präsentiert. Das sollte dann schon einigermaßen gekonnt aussehen. Bei meinem ersten Auftritt habe ich das vorher auch nicht gemacht, aber es hilft wirklich!

Habt ihr schon mal improvisiert?

Julia: Improvisiert nicht, dafür sind meine Texte einfach zu vorbereitet. Ich bin kein Freestyle-Rapper. Aber ich hab schon mal abgebrochen, aus meiner Tasche den Zettel geholt und abgelesen.Christian: Bei mir ist wirklich alles zu 100 Prozent vorbereitet und das ist auch bei den meisten Slammern so. Das Improvisierte ist sehr, sehr selten. Ich lese es gerne ab, andere tragen es frei vor. Nur sehr wenige machen ein bisschen Freestyle, rappen vor sich hin und das ist ja auch erlaubt.

Was war euer eigentlicher Plan?

Julia: Als Kind wollte ich auf jeden Fall Eisprinzessin werden. Dann wollte ich mal Romane schreiben. Und dann wollte ich ganz lange Schauspielerin werden. Das habe ich mir auch immer gesagt: Ich will Schauspielerin werden. Dann hat das aber aus mehreren Gründen irgendwie nicht geklappt und es hat sich auch einfach nicht mehr so passend für mich angefühlt. Am ehesten ist der Plan dann irgendwie doch gewesen, den Plan zu finden.Christian: Tatsächlich hatte ich nie so den großen Plan. Den habe ich auch jetzt noch nicht. Ich lebe mehr so nach dem Lustprinzip. Zum Glück ermöglicht mir jetzt diese ganze Slam-Sache auch jetzt dieses Leben. Ich bin ja Freiberufler, sonst nichts. Also ich bin nirgendwo fest angestellt.Wie man es auch nennt – Vollzeitpoet, Bühnenautor oder Dichter. Es gibt Berufe die man nicht klar definieren kann. Zu denen man nicht mit einem vorgefertigten Plan gekommen ist und wäre. Solche, die einem niemals bei der Berufsberatung vorgeschlagen werden. Christian und Julia zeigen, dass Poetry Slams auf jeden Fall der Anfang von einem kreativen Berufsweg sein können. Pläne ändern sich und das ist auch gar nicht schlimm. Google kann uns eben nicht alles verraten.
Publisher : YAEZ Verlag GmbH
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