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Ich mach das freiwillig: Drei ehemalige Ehrenamtliche im Interview




Nikolas, 20, half während seiner Schulzeit zwei Monate in einem Krankenhaus in Ghana mit.

[pullquote]Diese zwei Monate haben mein Leben verändert[/pullquote]Als ich meiner Mutter sagte, dass ich für acht Wochen nach Ghana gehen wollte, um dort in einem Krankenhaus zu arbeiten, war sie erst einmal schockiert. Rückblickend kann ich das verstehen: Ich war minderjährig, ging noch zur Schule und war noch nie so lange allein von zu Hause weg gewesen. Dass sie es dennoch erlaubt hat, rechne ich ihr hoch an, denn diese Reise hat mein Leben verändert und mich zu einem anderen Menschen gemacht. Es war in den Sommerferien, bevor ich in die Oberstufe kam: Ich hatte über eine Organisation (www.rainbowgardenvillage.com) einen Volunteer-Platz in einem Krankenhaus in der Volta-Region bekommen – in einem Umkreis von 70 Kilometern war ich der einzige Europäer. Bevor ich abflog, dachte ich, dass ich eine Vorstellung von dem Leben dort hätte, aber es war alles ganz anders: [pullquote]Vieles war viel schöner, vieles aber auch viel schrecklicher, als ich es mir ausgemalt hatte.[/pullquote] Das Krankenhaus, in dem ich arbeitete, war chronisch unterbesetzt, die Strukturen waren ganz anders, als ich sie vom deutschen Gesundheitssystem kannte: Wer kein Geld hatte, wurde nicht behandelt, egal, wie krank er war. Das war für mich einfach unvorstellbar! Am nachhaltigsten bewegt haben mich die Begegnungen mit jungen Mädchen in meinem Alter, die ungewollt schwanger geworden waren und die nun in eine ungewisse Zukunft blickten. Darum habe ich nach meiner Rückkehr nach Deutschland das Hilfsprojekt Childhood for Children (www.einfach-nur-helfen.de) gestartet, mit dem Jugendliche kostenlos Zugang zu Kondomen und zu einem Impfstoff gegen Gebärmutterhalskrebs erhalten – die vierthäufigste Todesursache in Ghana.

Johannes, 28, nahm nach dem Bachelorstudium eine Auszeit und arbeitete als Lehrer in Nepal.

[pullquote]Nach dem ersten Tag wollte ich hinschmeißen[/pullquote] Ich bin studierter Sozialarbeiter und wollte nach meinem Bachelorstudium eine sechsmonatige Auszeit in Südasien nehmen, um eine neue Kultur und ein neues Land zu erleben. Die Aussicht als Tourist herumzureisen erschien mir allerdings wenig verlockend –  ich wollte Kontakt zu den Einheimischen bekommen und einen wirklichen Einblick in deren Leben erhalten. Darum meldete ich mich für eine Freiwilligenarbeit in Nepal, um dort Kindern Englischunterricht zu geben. Der Anfang war nicht einfach: Nach meinem ersten Einsatztag als Lehrer wollte ich eigentlich alles hinschmeißen. In meiner Klasse saßen rund 45 Kinder, der Geräuschpegel war enorm, alle schrien – ich war total überfordert. Zum Glück hatte ich einen tollen Schulleiter, der sehr verständnisvoll war und mir die Möglichkeit gab, mich an die neue Situation zu gewöhnen und mein eigenes Projekt zu starten. Ich konzipierte einen Sonderkurs für eine Gruppe von ehemaligen Schülern zwischen 15 und 23 Jahren, die – wie so viele andere Nepalesen – arbeitslos waren. In diesem Unterricht ging es hauptsächlich darum ihre Englischkenntnisse zu verbessern, über Themen zu reden, die in der Gesellschaft sonst eher tabu sind, wie Drogen und Sexualität, und gemeinsam Ausflüge zu unternehmen, um die jungen Männer und Frauen aus ihrer Lethargie herauszureißen. [pullquote]Nepal und seine Bewohner habe ich in den Monaten meines Aufenthalts ins Herz geschlossen.[/pullquote] Einmal im Jahr fliege ich seitdem dorthin, denn ich habe gemeinsam mit dem Schulleiter, der mir damals unter die Arme gegriffen hat, ein Umweltschutzprojekt gestartet (www.jhuwani-environment.com), das die Region, in der er lebt, vom Plastikmüll befreien soll.

Laura, 23, machte ein Freiwilliges Ökologisches Jahr in Berlin, weil sie vom Studium gestresst war.

[pullquote]Ich bin durch ganz Deutschland gereist![/pullquote] Umweltschutz war schon immer mein großes Interesse, darum habe ich nach dem Abitur in Greifswald das Fach Landschaftsökologie und Naturschutz studiert. Kurz bevor ich damit begann meine Bachelorarbeit zu schreiben, wurde mir auf einmal alles zu viel. Ich war gesundheitlich angeschlagen, total gestresst und beschloss, mir eine Auszeit zu nehmen. Die meisten Leute absolvieren ihren Freiwilligendienst direkt nach der Schule – für mich war damals der richtige Zeitpunkt gekommen. Ich bewarb mich bei der Stiftung Naturschutz Berlin und bekam eine Zusage für meine Wunscheinsatzstelle: Europarc Deutschland e.˘V., der Dachverband der deutschen Nationalparks, Biosphärenreservate, Naturparks und Wildnisgebiete. Dort habe ich unter anderem die verschiedenen Websites betreut, Artikel geschrieben und mich um die Social-Media-Auftritte gekümmert, um unsere Arbeit noch bekannter zu machen. Ein vielseitiger, spannender Job! Außerdem war ich Bundessprecherin meines FÖJ-Jahrgangs und hatte dadurch Gelegenheit viel in Deutschland herumzureisen und das FÖJ in der Öffentlichkeit und vor allem der Politik zu vertreten. [pullquote]In diesem Jahr habe ich mich echt weiterentwickelt.[/pullquote] Nicht nur, dass ich weiß, was ich später machen möchte – ich schreibe nun meine Bachelorarbeit in meiner ehemaligen Einsatzstelle und beginne bald ein Studium der Nachhaltigkeitswissenschaften – ich habe auch jede Menge toller Leute kennengelernt, die mein Interesse an umweltpolitischen Themen teilen – und die mich, da bin ich sicher, noch sehr lange in meinem Leben begleiten werden.

Wir haben einen Experten gefragt, was ihr unbedingt beachten solltet, wenn ihr einen Freiwilligendienst plant.

Was treibt Schulabgänger zur Freiwilligenarbeit – sei es im In- oder im Ausland?Den allermeisten geht es darum, sich sozial zu engagieren und ganz nebenbei noch eine andere Kultur erleben zu können, Kontakt zu Einheimischen zu bekommen und sich bei diesem Blick über den Tellerrand persönlich weiterzuentwickeln. Karrieristen, die mit ihrem Einsatz nur ihren Lebenslauf aufbessern wollen, sind unter den Volunteers eher selten.Worauf muss man bei der Organisation einer solchen Freiwilligenarbeit achten?Vor allem darauf sich rechtzeitig zu bewerben – zumindest dann, wenn es sich um einen geregelten Freiwilligendienst wie weltwärts oder kulturweit handelt. Diese Stellen werden wie richtige Jobs ausgeschrieben und haben Einsendefristen, die oft sechs bis zwölf Monate vor dem Beginn der Tätigkeit liegen. Bei einem flexiblen Freiwilligendienst kann man kurzfristiger anfangen und muss sich manchmal nur wenige Wochen vorher um eine Stelle kümmern. Allerdings macht diese zeitliche Flexibilität die Angelegenheit für die Teilnehmer auch teurer, denn sie treibt die Logistikkosten für die Organisationen in die Höhe.Gibt es weitere Unterschiede?Die geregelten Freiwilligendienste dauern meistens zwischen neun und zwölf Monaten und werden deshalb in der Regel nur von Leuten wahrgenommen, die die Schule bereits beendet haben. Die flexiblen Varianten sind auch für nur wenige Wochen möglich und so auch eine Option für die Ferien.Wie kann ich mich auf meinen Dienst vorbereiten?Die geregelten Freiwilligendienste bieten für ihre Teilnehmer verpflichtende Vorbereitungsseminare an, alle anderen müssen sich darum selbst kümmern – und dazu rate ich auch dringend. Vor allem diejenigen, die ins Ausland gehen, sind in der Pflicht sich vorher intensiv mit Land und Leuten und deren Kultur auseinanderzusetzen. Frank Seidel beschäftigt sich bereits seit fast 25 Jahren mit Freiwilligenarbeit im Ausland und war Marketingdirektor einer der größten Freiwilligenorganisationen weltweit. 2013 gründete er das Informationsportal www.wegweiser-freiwilligenarbeit.com.
Publisher : YAEZ Verlag GmbH
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