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Auf geht’s: Wie ein Auslandsaufenthalt dich verändert




„Ich folge jetzt meinem Bauchgefühl“

Lukas, 26, würde wahrscheinlich ohne seine Erfahrungen in Brasilien, Indien, Australien und Nepal ein ganz anderes Leben führenAus dem Ausland zurückkommen – und plötzlich ist die Welt eine andere als vorher: Das gab es bei mir mehr als einmal. Nach der zehnten Klasse bin ich über die Austauschorganisation AFS für einen Schüleraustausch nach Brasilien gegangen. Plötzlich aus meiner Blase raus zu sein und das Leben eines brasilianischen Jugendlichen zu führen, war ziemlich krass. Dieses Jahr öffnete mir die Augen für die Welt.

Indien

Nach dem Abi ging ich für einen zwölfmonatigen Freiwilligendienst nach Indien, wo ich als Lehrer arbeitete. Als Gast war ich bei Hindus, Moslems und Buddhisten zu Hause – und plötzlich mit ganz neuen Themen konfrontiert: dem Tod, Chancengleichheit, aber auch einer tiefen Zufriedenheit und Entschleunigung. Dadurch geriet ich ins Grübeln. Eigentlich hatte ich seit Jahren Internationale Beziehungen in Groningen studieren wollen – plötzlich kam mir das wie pures Karrieredenken vor. Mich reizten weitere Reisen, Arbeitserfahrungen und tiefere Einblicke ins Englische.

Australien

Von meinem letzten Ersparten kaufte ich deshalb ein Work-&-Travel-Visum für Australien. Mit 200 Dollar in der Tasche ging es los. Auf diesem mir fremden Kontinent wurden Fremde zu Freunden. Durch den internationalen Austausch und Gespräche über Schwierigkeiten, die in vielen Ländern ähnlich waren, begann ich außerdem immer mehr, mich zu fragen: „Wer löst die Probleme zu Hause?“ In Australien hatte ich 17 unterschiedliche Jobs, die meisten ohne wahren Nutzen für Mensch und Natur. Darauf hatte ich keine Lust mehr. Auf meinem Rückweg nach Deutschland flog ich über Nepal, um mehr über Meditation zu lernen und mir darüber klar zu werden, was ich mit meinem Leben machen wollte. Mir dämmerte: Egal was ich tun würde, ich bräuchte Sinn. Wenig später begegnete ich Sunti, einer Nepalesin, die Rucksäcke aus den Fasern wilder Hanfpflanzen fertigt. Ich lernte, was man aus Hanf alles herstellen kann. In vielen Bergdörfern auf 3500 Metern Höhe ist die Pflanze die wichtigste Ressource zum Überleben.

Wieder in der Heimat

Zurück in Deutschland zog ich nach Berlin, fing an, Regionalwissenschaften-Asien zu studieren und gründete ein ökologisches Start-up, um in Zusammenarbeit mit Sunti ihre Rucksäcke zu vertreiben. Inzwischen konzentriere ich mich voll auf mein eigenes Filmprojekt, „Let it Hemp“. Dass man aus Hanf Papier, Textilien oder Baustoff herstellen kann – alles biologisch abbaubar und damit super für unser Klima – wissen die Wenigsten. Mit meinem Film möchte ich das ändern. Um das Projekt umzusetzen, habe ich mein Studium auf Eis gelegt. Ich musste mich entscheiden, was für mich gerade wichtiger ist, und das ist dieses Filmprojekt. Durch meine Auslandsaufenthalte habe ich gelernt, meinem Bauchgefühl zu folgen und Gegebenheiten kritisch zu hinterfragen. Ich tue nun etwas, das mich erfüllt. Hätte ich mich damals nicht für den allerersten Austausch entschieden, würde ich heute ein komplett anderes Leben führen.

„Ich merkte, woran mein Herz hängt“

Johanna, 20, hat durch den Freiwilligendienst in der Dominikanischen Republik gemerkt, dass ihr unterrichten mehr liegt als Social MediaDu hast ein Jahr in der Dominikanischen Republik gelebt. Wie hat es dich ans andere Ende der Welt verschlagen?Ich wollte nach dem Abi unbedingt ins Ausland – etwas anderes sehen, eine Sprache lernen und neue Erfahrungen machen. Über das DRK-FreiWerk habe ich mich dann für einen Freiwilligendienst beworben.Die meisten machen in der Karibik nur Urlaub – was waren deine Aufgaben dort?Man hört häufig vom All-inclusive-Tourismus, aber wir Freiwilligen haben in der Stadt gewohnt. Für eine NGO vor Ort habe ich an einem Social-Media-Projekt gearbeitet. Im Team haben wir zum Beispiel die Facebook-Seite betreut, ein Instagram-Profil erstellt und einen YouTube-Kanal mit Videos gefüllt.Inwiefern wurde bei deiner Berufsfindung noch mal alles über den Haufen geworfen?Ich habe gemerkt, dass Social Media mir Spaß macht – mein Herz aber an ganz anderen Dingen hängt. Dort habe ich nämlich angefangen, nebenbei in einer kleinen Schule zu arbeiten. Sich jeden Tag etwas Neues für die Kinder auszudenken, spielerisch zu lernen, fand ich toll.Heute studierst du soziale Arbeit. Hättest du das früher mal gedacht?Nie. Ich wusste vorher zwar nicht genau, was ich werden wollte. Aber vermutlich hätte ich mich zur Krankenschwester ausbilden lassen. Nach meiner Rückkehr habe ich ein Praktikum in einem Kinderdorf gemacht, ganz bewusst. Da war endgültig klar: So etwas will ich studieren! Meine berufliche Zukunft sehe ich in der Kinder- und Jugendarbeit.

„Ich weiß jetzt, was ich kann“

Luca, 21, hat durch ein FSJ auf Malta gelernt, Verantwortung zu übernehmen und gemerkt, was für ihn wirklich zähltViele sagen, dass ein Auslandsaufenthalt ihr Leben verändert hat. Würdest du das unterschreiben?Klar. Ohne den Auslandsaufenthalt wäre ich sicher nie bei meinem aktuellen Nebenjob gelandet. Für die Lebenshilfe arbeite ich als Freizeitbetreuer, habe sogar eine Gruppenleitung dort. Außerdem studiere ich nun Berufsschullehramt.Auf Malta hast du in einem Therapiezentrum für Menschen mit Behinderung gearbeitet. Warum hast du dich dafür entschieden?Ich bin auf eine Schule mit Integrationsklassen gegangen. Mein Bruder hat das Asperger-Syndrom. Bei meinem Auslandsjahr über das DRK-FreiWerk konnte ich mich dem Bereich fachlich annähern und ausprobieren, ob das etwas für mich ist. Das Therapiezentrum ist auf Autismus spezialisiert.Was hast du dort Neues gelernt?Ich habe Einblicke in Organisation, Strukturen und Didaktik bekommen, durfte sogar Schwimmunterricht geben. Ich konnte irre viel Verantwortung übernehmen. Bei einem FSJ in Deutschland wäre das in dem Ausmaß wohl nicht möglich gewesen. Ich fühle mich nun darin bestärkt, was ich gut kann.Was würdest du heute machen, wenn du nicht ins Ausland gegangen wärst?Eigentlich wollte ich unbedingt zur Polizei. Das hat nicht geklappt. Heute könnte ich mir das auch nicht mehr vorstellen. Ich habe gehadert, ob ich nicht vielleicht doch im Wirtschaftssektor arbeiten will. Durch mein Jahr auf Malta und den Nebenjob weiß ich: Wertschätzung ist so viel wertvoller, als ein, zwei Euro mehr auf dem Konto zu haben.

„Meine Erfahrungen haben mich mutig gemacht“

Claire, 24, hat schon als Kind in verschiedenen Ländern gelebt und sich nach dem Abi für ein Studium in London entschiedenBisher hast du auf drei verschiedenen Kontinenten gelebt. Wie kam das?Geboren bin ich in Deutschland, war durch den Beruf meines Vaters aber auf Schulen in Singapur, Tansania und auf Madagaskar. Mein Abi habe ich in Deutschland gemacht. Danach wollte ich gleich wieder weg. Ich hätte auch einen Studienplatz in Texas gehabt, stattdessen ging ich fürs Studium nach London.Würdest du heute etwas anderes machen, wärst du in Deutschland geblieben?Definitiv! Ich dachte, ich würde mal in einem Büro landen. Erst in London wurde mir klar, wie viele berufliche Optionen es gibt. Durch mein Studium habe ich einen Job, der sich zwischen dem einer Ärztin und einer Krankenschwester bewegt. So etwas gibt es in Deutschland gar nicht. Ich begleite zum Beispiel unsere internationalen Patienten bei der Rückreise in ihre Heimatländer.Welche nächste große Veränderung steht für dich an?Aktuell bewerbe ich mich auf Jobs in Fernost. Ich bin daran gewöhnt, von internationalen Leuten umgeben zu sein. London war dafür toll, aber nun bin ich neugierig auf andere Orte, die ähnlich multikulturell sind. Meine Erfahrungen haben mich spontan und mutig gemacht.Ist es für dich noch etwas Besonderes, ein Land zu wechseln?Auf jeden Fall! Ein Auslandsaufenthalt wirbelt immer alles durcheinander. Mir gefällt, wenn die Karten komplett neu gemischt werden. Wenn ich länger an einem Ort bleibe, muss ich da raus. 
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