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Schule, freestyle: Wenn Schüler alles selbst entscheiden können




8.25 Uhr – „Bist du gleich in Indien oder Jamaika?“, ruft eine Schülerin quer durch den Flur. „Ich glaube, ich gehe heute nach Indien“, antwortet ihre Freundin und stürmt durch die Tür ins Treppenhaus. Jamaika liegt direkt neben der Eingangstür, Indien eine Etage darüber. Die Etagen sind in Kontinente aufgeteilt, die Räume in Länder. Dahinter steht ein freies, demokratisches Schulkonzept von der ersten bis zur zehnten Klasse. Jeden Tag können die Schüler aus verschiedenen Angeboten wählen – oder eben auch einfach nur spielen. Theater, Tanzen und Töpfern stehen genauso auf dem Plan wie Mathe, Deutsch, Englisch und Physik. Das Alter spielt dabei keine Rolle.

Ein Konzept, das nicht zu jedem passt

Das Motto an der FSL ist simpel: Jeder ist für sich und seine Entscheidungen verantwortlich. Deshalb trifft man auch Schüler, die entspannt Karten spielen und mit dem Bass ihrer Musik einen ganzen Raum in Bewegung bringen. Pause kann im Grunde genommen immer sein. Ein Grund, warum der Schulhof nie so voll ist wie bei anderen Schulen. Beim gemeinsamen Mittagessen gibt eine Schülerin zu: [pullquote]Von der ersten bis zur fünften Klasse habe ich wenig gelernt und nur gespielt. Jetzt merke ich, wie wichtig das ist, und lerne jeden Tag und besuche sehr viele Angebote.[/pullquote] Thalea (14) findet es wichtig, mitentscheiden zu können. Sie erzählt stolz von ihrer Schule: „Ich treffe jeden Tag meine eigenen Entscheidungen und kann die Schule mitgestalten. Die Möglichkeit, meine Schule wirklich meine Schule nennen zu können, ist toll.“ Lehrer Henrik Ebenbeck erklärt: „Unser Schulkonzept ist nicht für jeden geeignet. Das selbst gesteuerte Lernen ist eine Herausforderung. Wir reden vorher intensiv mit den Eltern darüber.“

Demokratie zwischen Kissen und Kerzen

Um 8.30 Uhr treffen sich die Schüler in den verschiedenen Ländern zum Morgenkreis. Sie können sich jeden Tag entscheiden, zu welcher Gruppe sie gehen. In Indien sitzen alle mit Kissen auf dem Boden, ein Tablett mit einer Kerze steht in der Mitte. Hier beginnen nicht die Lehrer die Stunde, sondern die Schüler: „Ich beginne den Morgenkreis. Hat jemand einen Antrag oder eine Ansage?“, fragt eine Zwölfjährige in die Runde. Ansagen sind oft Erinnerungen an Ausflüge, die in der FSL häufig gemacht werden. „Wir machen eigentlich jede Woche einen Ausflug. Ich gehe regelmäßig mit zum Bouldern“, erklärt Thalea. Anträge können Wünsche sein, was zum Beispiel am Gruppentag gemacht werden soll oder die den Schulalltag betreffen. „Ich habe einen Antrag gegen Max!“, sagt eine Schülerin auf einmal. Kurz wird Indien verlassen, um Max zu suchen. Der Antrag wird vor ihm in der Runde noch einmal gestellt. „Ich wollte gestern durch Russland gehen, und du hast die Tür zugehalten“, sagt das Mädchen ganz ruhig. „Warum hast du das gemacht, Max?“, wollen die anderen wissen. Eine Schülerin sucht den Augenkontakt mit ihm und sagt: „Das darfst du nicht machen, egal warum. Türen sind immer auch Fluchtwege.“ Das Verhör endet mit einem Schulterzucken von Max. Eine Strafe gibt es nicht.

Schüler an die Macht

Jeden Dienstag gibt es zusätzlich eine Schulversammlung, die von einer feststehenden Schülergruppe geleitet wird. Heute steht Finn vor der Gruppe. Das Smartphone dient als Agenda, die Powerpoint zeigt die neu erarbeiteten Punkte aus den vorherigen Gesprächen. Die Teilnahme ist freiwillig, die Entscheidungen nach jeder Sitzung beschlossene Sache. Heute wird trotzdem über den Minderheitenschutz diskutiert. Die Schule ist zwar demokratisch, aber hier ist nichts in Stein gemeißelt. Bei einer knappen Entscheidung werden Pro und Contra erneut gemeinsam diskutiert. Schüler und Lehrer haben gleichwertige Stimmen. Bei 180 Schülern und rund 28 Lehrkräften ist eindeutig, wer die Schule bestimmt.

Kein Lernen, kein Abschluss?

Aber wie ist das eigentlich, wenn jemand gar nichts lernt? Henrik Ebenbeck meint: „Das ist hier noch nie vorgekommen. Irgendwann möchten die Schüler lesen und schreiben, um andere Dinge machen zu können. Sie wollen von ganz allein selbstständig werden.“ Eine Schülergruppe in Mathe bestätigt das: [pullquote]Man muss auch mal Sachen lernen, die man nicht gern mag oder kann: Mathe zum Beispiel.[/pullquote] Nach der Schulzeit erhalten alle Schüler ein Diplom mit ihren persönlichen Stärken von der Europäischen Gemeinschaft für Demokratische Bildung (EUDEC). Einen staatlichen Schulabschluss ersetzt das nicht. Annika (15) lernt im Moment für ihren erweiterten Realschulabschluss. Schon die Abschlussprüfung müssen die Schüler an einer staatlichen Mittelschule ablegen. Danach muss Annika dann auf eine andere Schule gehen, um ihr Abitur zu machen: „Ich möchte Luft- und Raumfahrttechnik studieren. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es ist, mit 20 fremden Menschen in einer Klasse zu sitzen. Hier kenne ich ja alle schon so lange. Die Schule ist wie eine Familie für mich.“ Hier findet ihr Infos zur Schule.[yaez-box]Privatschule: Was bedeutet das eigentlich?Mittlerweile gibt es fast 6000 Privatschulen in Deutschland. Eine Schule darf nur mit der Genehmigung vom Staat betrieben werden. Der Staat überprüft das Schulkonzept und kontrolliert es durch regelmäßige Besuche. Bei einer Genehmigung werden die Schulen vom Staat bezuschusst, in der Regel muss zusätzlich ein festes Schulgeld von den Eltern gezahlt werden. Es wird zwischen staatlich genehmigten Schulen und staatlich anerkannten Schulen unterschieden. Staatlich anerkannte Schulen dürfen Abschlussprüfungen durchführen. Die genehmigten Schulen können keine Prüfungszeugnisse ausstellen oder Referendare ausbilden. Sie müssen ihre Absolventen für die Prüfung an eine staatliche Schule schicken.[/yaez-box] 
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