www.yaez.com

Schüleraustausch nebenan: Es muss nicht immer Australien und USA sein




Franca, 16, aus Miltenberg in Bayern, verbrachte ein halbes Jahr in den Niederlanden.„Als der Gedanke aufkam, dass ich ein Schuljahr im Ausland verbringen könnte, wusste ich eines sofort: Ich gehe nicht dorthin, wo alle sind. USA? Kanada? Nicht für mich! Englisch sprach ich ohnehin, mir kam es reizvoller vor, eine ganz neue Sprache zu lernen. Ich bewarb mich für Programme in Norwegen, Island und den Niederlanden. Als die Zusage für eine Schule in Arnhem kam, war ich begeistert. Ich hatte zuvor schon zwei Mal mit meinen Eltern in den Niederlanden Urlaub gemacht und war verliebt in das Land und vor allem in seine offenen und herzlichen Menschen. Anfangs sprach ich kaum ein Wort Niederländisch. Aber außer mir gab es in der ganzen Stadt keine deutschen Austauschschüler – so war ich gezwungen, die Sprache schnell zu lernen. Eine Freundin, die in Kanada einen Austausch machte, hatte dagegen eine rein deutsche Clique und war darum umgeben von der eigenen Sprache. Ich war seit dem Ende des Schüleraustauschs noch ein paar Mal in Arnhem, um Freunde zu besuchen. Meine Begeisterung hat auch andere angesteckt: Eine Bekannte will meinem Beispiel folgen und ebenfalls in den Niederlanden ihr Auslandsjahr machen. Und auch mich lässt das Land nicht los: Nach meinem Abitur möchte ich in Amsterdam Soziologie studieren.“Lena, 20, aus Regensburg, ging 12 Monate in Kopenhagen zur Schule.„Ein Jahr in einem anderen Land zur Schule zu gehen, ist in meiner Familie keine Seltenheit. Meine beiden älteren Schwestern hatten bereits ein paar Jahre vor mir einen Austausch gemacht – eine war in Schweden, die andere in Dänemark. Vielleicht stand für mich darum ebenfalls Skandinavien ganz oben auf der Wunschliste: Als feststand, dass ich nach Kopenhagen komme, habe ich mich sehr gefreut. Mein Umfeld allerdings konnte diese Begeisterung weniger nachvollziehen: Dann kannst du doch gleich zu Hause bleiben! Warum gehst du denn nicht in die USA? Als ob man nur außerhalb Europas eine aufregende Zeit haben könnte. Ich habe tolle Menschen kennengelernt – noch heute, vier Jahre nach meinem Aufenthalt, besuche ich meine Freunde und meine Gastfamilie mindestens einmal im Jahr. Und ich habe auch einiges für meinen Alltag mitgenommen: Die dänische Art, jeden sein Ding machen zu lassen und andere nicht zu verurteilen, hat mich sehr bereichert und bestimmt heute meine Denkweise. Vielleicht kommt daher mein Wunsch, wieder nach Dänemark zurückzukehren und dort meinen Master zu machen.“ Risto, 18, aus Hamburg, besuchte ein Schuljahr lang eine Schule nahe Fribourg, in der französischsprachigen Schweiz.„Auf der Suche nach dem idealen Ort für einen Auslandsaufenthalt spielten für mich zwei Punkte eine Rolle: Ich wollte mein Französisch verbessern und aus Klimaschutzgründen ein Land auswählen, das so nah an zu Hause ist, dass ich es mit dem Zug erreichen kann. Meine Wahl fiel auf die Schweiz. Das brachte mir zunächst viel Spott ein: Die Schweiz ist doch fast Deutschland, sagten viele und entschieden sich für Reisen in die USA oder nach Neuseeland. Diese Einstellung hat mich ein bisschen genervt, denn ein Austausch ist ja kein Wettkampf, bei dem es darum geht, möglichst viele Kilometer zwischen sich und sein altes Leben zu bringen. Ich finde: Man muss nicht weit weg fahren, um Neues zu erleben, seine Grenzen zu testen und zu lernen, alleine klar zu kommen.Hinzu kommt: Die Schweiz ist einfach wunderschön. Ich kenne aus meiner Heimat Hamburg nur Flachland. Deshalb war die Landschaft mit ihren Bergen, Wasserfällen und Gletschern für mich besonders sehenswert. Ein weiterer Vorteil ist, dass ich den Kontakt zu meinen schweizer Freunden von Hamburg aus besser halten und sie regelmäßig besuchen kann. “ [pullquote]Nur eine Zugreise von seiner Gastfamilie entfernt[/pullquote]Frau Domhan, seit Jahren zählen die USA, Kanada und Neuseeland zu den beliebtesten Ländern für einen Austausch. Gleichzeitig erleben Schülerinnen und Schüler aktuell wegen Corona unsichere Zeiten. Wie wird sich diese Entwicklung auf Auslandsaufenthalte auswirken?Das lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht wirklich abschätzen. Aber wir gehen davon aus, dass die Nachfrage nach europäischen Zielen steigen wird, etwa Irland, Frankreich, Spanien und Italien – also die Länder, die aufgrund ihrer Sprache bei Jugendlichen beliebt sind.Was sagen Sie Schülerinnen und Schülern, deren Eltern aus Sicherheitsgründen für ein Land plädieren, das nahe an zu Hause ist? Wir lassen unsere ehemaligen Teilnehmer selbst zu Wort kommen: Auf unserer Internetseite findet man Erfahrungsberichte von Schülerinnen und Schülern, die in aller Welt unterwegs waren. Ob Dänemark, Brasilien, Frankreich oder Japan – sie kommen alle begeistert zurück mit spannenden Abenteuern im Gepäck. Und ein Austausch in europäische Länder hat natürlich den Vorteil, dass man später nur eine Zugreise von seiner Gastfamilie und seinen dortigen Freunden entfernt lebt.  Spielt bei der Wahl des Landes in der heutigen Zeit auch der Klimaschutz eine Rolle?Ja, es gibt vermehrt Nachfragen nach Zugtickets. Wir unterstützen diesen Wunsch und wollen Reisen mit dem Zug aus Nachhaltigkeitsgründen weiter ausbauen.Annette Domhan ist Programmdirektorin für Schülerprogramme bei AFS Interkulturelle Begegnungen e.V.
Publisher : YAEZ Verlag GmbH
URL: