www.yaez.com

Religion gegen Radikale: „Wir verstehen nicht, wieso du so etwas machst!“




Der 7. Januar 2015 begann für Nesreen wie viele Tage. Und doch sollte er ihr Leben schwieriger machen. Mal wieder. Und zumindest für einige Zeit.Am 7. Januar stürmten zwei Männer um die Mittagszeit die Redaktion des islamkritischen Satiremagazins Charlie Hebdo in Paris und erschossen zwölf Menschen. Die beiden Islamisten töten zusammen mit einem dritten in den nächsten Stunden weitere fünf Menschen und verletzten zahlreiche.

Blinde Wut

In die weltweite Bestürzung mischte sich nicht nur Hass gegenüber Islamisten sondern auch gegenüber Muslimen. In den Tagen danach fühlte sich Nesreen sehr unwohl, wenn sie auf der Straße unterwegs war. Durch ihr Kopftuch und ihr bodenlanges Kleid erkennt man sofort ihre Religion. "Ich bin den Blicken der anderen ausgewichen und habe viel öfter als sonst auf den Boden geschaut." Eine muslimische Freundin war am Tag des Attentats in Berlin unterwegs, als ihr ein alter Mann hinterherlief, sie stieß und sie anbrüllte: "Dich hätte man umbringen sollen." Natürlich lehnen Nesreen und die meisten Muslime Islamismus genauso ab, wie es Mitglieder anderer Religionen tun. Aber diese Trennschärfe besitzen viele augenscheinlich nicht.

"Meine Arbeit ist mein Hobby"

Der Anschlag in Paris und die Reaktionen auf ihre Freundin mit Kopftuch machen Nesreen traurig. "Wir können einander nur verstehen, wenn wir uns kennen. Deshalb sind Möglichkeiten zur Begegnung so wichtig. Nur so kann Integration gelingen", sagt die Studentin und klingt dabei viel älter als 22. Integration von Menschen mit ausländischen Wurzeln und Toleranz gegenüber anderen Kulturen sind Nesreen eine Herzensangelegenheit. Und dafür opfert sie einen Großteil ihrer Freizeit. Wobei "opfern" nicht das richtige Wort ist. "Mein Engagement und meine Arbeit sind mein Hobby. Das ist das, was mir Spaß macht“, antwortet Nesreen merklich genervt, wenn man sie auf ihren vollgepackten Terminkalender anspricht, "ich bin jung und nicht verheiratet, jetzt habe ich Zeit dafür."

Jugendzentrum und Deradikalisierung

Nesreens älterer Bruder engagierte sich schon früh in vielen Initiativen und war dabei für Nesreen ein Vorbild. Mit 13 gab sie Nachhilfe im arabischen Kulturverein. Kurze Zeit später begann sie ihr Engagement bei JUMA ("Jung Muslimisch Aktiv"), einem Projekt, das bei jungen Muslimen das Interesse an Beteiligung und Demokratie stärken und ihnen helfen soll, sich in die Gesellschaft einzubringen. Fast rastlos wirkt ihr Engagement. Vorstandsvorsitzende bei "Dialog, Integration, Bildung" (DIB), Mitglied bei der "Jugend für Palästina" und beim Islamischen Jugendzentrum. Neben den ehrenamtlichen Tätigkeiten hat Nesreen auch bezahlte Jobs – allerdings auch durchweg mit sozialpolitischem Hintergrund. Beim Verein ufuq.de arbeitet sie seit einem Jahr in der Deradikalisierung von Muslimen. Sie moderiert Diskussionen im Netz oder steigt in bestehende ein. Dabei ist ihr Profilfoto verfremdet. Die anderen Nutzer sehen, dass sie ein Mädchen ist, aber nicht, wie alt sie ist. In Schulungen hat sie gelernt, wie sie auf radikale Gedanken reagieren soll, um die Diskussionen wieder in eine ruhigere Bahn zu lenken. Daneben arbeitet sie bei der Ausstellung "Sieben Mal jung".

"Kümmer‘ dich lieber um dein Studium!"

Auch wenn Nesreen begeistert von ihrer Tätigkeit erzählt und immer wieder betont, wie sinnvoll sie diese findet, kommen die Zweifel doch immer wieder. Wenn sie Prüfungen im Studium der Islamwissenschaft nicht besteht und ihre Freunde als ersten Grund ihr Engagement sehen. Wenn ihre Eltern ihren Bruder für seinen ehrenamtlichen Einsatz loben und sie für die gleiche Arbeit kritisieren. "Wir verstehen nicht, wieso du so etwas machst", sagen ihre Eltern oft. "Du bist eine Frau, du musst so etwas nicht machen. Du kannst an der Gesellschaft sowieso nichts ändern. Kümmer‘ dich lieber um dein Studium!" Nesreen ist enttäuscht, dass ihre Eltern so wenig Verständnis für sie aufbringen. "Ich bin nicht zufrieden mit unserem politischen System. Es sind immer die gleichen an der Macht. Es gibt keine neuen Impulse. Da muss ich mich doch einmischen. Viele jungen Menschen hinterfragen die Dinge nicht, das ist furchtbar." Wenn die Zweifel zu stark sind, ruft sie jemanden an, der von ihrer Arbeit profitiert. Das ermutigt sie, weiterzumachen.

"Gegen Antisemitismus?!"

Diese Motivation ist vor allem bei ihrem neusten Job wichtig. Seit letztem September führt sie Schulgruppen durch das jüdische Viertel, erzählt vom Holocaust und Fremdenhass heute. "Von den Gästen habe ich fast nur positive Rückmeldung bekommen, dass ich mich als Muslima gegen Antisemitismus einsetze, aber viele meiner arabischen Bekannten verstehen das nicht." Sätze wie "Warum unterstützt du Juden?" hört sie nicht selten. "Ich steh‘ in der Pflicht ein positives Bild zu hinterlassen", entgegnet Nesreen dann.

Mehr als ein Stück Stoff

Es sind eher subtile Formen von Ausgrenzung, die Nesreen schon erlebt hat. Als sie als Schülerin anfing, ein Kopftuch zu tragen und ein Schüler sie plötzlich als Schmarotzerin bezeichnete oder ein Lehrer sie auf einmal schlechter als früher bewertete. Nesreens Großeltern sind in den 60er-Jahren aus Palästina in den Libanon geflüchtet, die Eltern kamen 1989 nach Berlin. Sie sind nicht sehr religiös, eher traditionell. Nesreen hingegen ist Religion sehr wichtig. "Religion gibt mir Halt. Trotzdem ist mir klar, dass jede Religion zu Radikalität führen kann, das ist von der Persönlichkeit des Menschen abhängig." Dass so viele wie möglich diese Unterscheidung machen können, das hat sich Nesreen zum Ziel gesetzt. Aber jetzt muss sie erst einmal an die Uni.
Publisher : YAEZ Verlag GmbH
URL: