Die diesjährige Englisch-Prüfung in Baden-Württemberg fiel vielen Schülern so schwer, dass sie eine Petition gestartet haben. Dabei geht es vor allem um die Reading Comprehension: Dieses Jahr ein lyrischer Text mit vielen Metaphern. Ihre Forderung: Eine faire Bewertung. Mittlerweile unterstützen über 30.000 Menschen das Anliegen der Schüler. Nach dem Statement von Kultusministerin Dr. Susanne Eisenmann geht es weiter: Die Schüler beziehen sich jetzt direkt auf Eisenmann und starten eine zweite Petition: Englisch Abiturprüfung 2018 #unangemessen - Bezug Pressemitteilung Kultusministeriumeine.Wir haben mit Fabian gesprochen, der das Abi mitgeschrieben hat.Wie hast du dich auf das Englisch-Abitur vorbereitet? Ich habe mir den Film „L.A. Crash“ noch einmal angeschaut. Dann habe ich mir noch Zusammenfassungen unserer Lektüre „Half Broke Horses“ durchgelesen und einige Redewendungen gelernt. Auf die Reading Comprehension habe ich mich ehrlich gesagt gar nicht speziell vorbereitet. Da wurde ich wie viele Abiturienten wohl in der Prüfung überrascht. Da wir im Unterricht immer mit aktuellen Zeitungsartikel geübt haben, hat mit einem solchen Text aber auch kaum einer gerechnet.Hast du mit alten Prüfungen gelernt? Ja, habe ich. Da ich die Aufgaben aus den vergangenen Jahren kannte, war ich ein wenig schockiert, als ich mir letzten Freitag den Text zum ersten Mal durchgelesen habe. Die Aufgaben zum kreativen Schreiben waren in etwa vergleichbar, jedoch kritisiere auch ich die Analysis-Aufgabe. Die Aufgabe war nicht nur missverständlich formuliert, sondern sie bezog sich auch noch auf die schwierige letzte Passage des Textes, die mit Metaphern gespickt war. Hat ein Schüler also bereits bei der ersten Aufgabe Schwierigkeiten, so fällt ihm die Bearbeitung der zweiten Aufgabe erst Recht schwer.Was war besonders schwierig? Das Verständnis des Textes und der dadurch entstandene Zeitdruck. Man musste erst einmal unglaublich viele Vokabeln nachschlagen, was natürlich Zeit braucht. Zudem wurden bei den Multiple Choice Aufgaben im diesjährigen Leseverständnis jeweils zwei Zitate als Beleg der Aussage verlangt. Auch das hat wertvolle Zeit gekostet, wurde aber bei der Punktvergabe in keiner Weise berücksichtigt. Es wird weiterhin pro Teilaufgabe nur ein Verrechnungspunkt vergeben, die Anzahl der Aufgaben wurde aber nicht signifikant angepasst. Die Aufgaben wurden eher zusätzlich erschwert, da man bereits bei einem falschen Zitat überhaupt keinen Punkt mehr erhält. [pullquote]Es war unglaublich schwierig, alle Aufgaben in einer Zeit von 180 Minuten zu bearbeiten.[/pullquote] Normalerweise veranschlagt man für die „Reading Comprehension“ etwa eine halbe Stunde, mit dem vorgelegten Text war dies aber praktisch nicht möglich. Somit fehlte die Zeit vor allem am Schluss bei der kreativen Schreibaufgabe.Was hast du als ungerecht wahrgenommen? Ich finde es ungerecht, dass unser Jahrgang, verglichen mit den Vorjahren, einen deutlich schwierigeren Text vorgelegt bekommen hat. Schaut man sich die Abiklausuren der Vorjahre an, erkennt man den Unterschied ganz einfach. Hier wurde das Leseverständnis anhand aktueller Zeitungsartikel abgefragt, außerdem wurde meist nur ein Zitat als Beleg gefordert. Ich finde es überhaupt nicht sinnvoll, die Schüler bereits bei der ersten Aufgabe, so zu belasten. Es geht hier auch nicht darum, dass wir die allgemeine Schwierigkeit des Abiturs kritisieren. Dass dies kein Kinderspiel ist, muss jedem klar sein, denn es ist nunmal der höchste Bildungsabschluss.Wie hast du von der Petition erfahren? Leider weiß ich nicht, wer die Initiatoren der Petition sind. Das erste Mal habe ich über unsere WhatsApp-Stufengruppe davon erfahren und sofort unterschrieben, da ich die Kritik voll nachvollziehen kann. Dass die Petition innerhalb von drei Tagen bereits über 30.000 Unterzeichner hat, finde ich beachtlich. Immerhin gibt es insgesamt nur 33.000 Abiturient/innen in BW. Allein dies zeigt schon, dass die Petition die Meinung sehr vieler Schüler vertritt. [pullquote]Die Solidarität von anderen Schülern ist toll![/pullquote]Haben die Lehrer auch zugegeben, dass die Prüfung besonders schwer war?Von einigen Lehrern habe ich das gehört. Einige beschwerten sich über die missverständliche Formulierung der Fragen. So bezog sich die Analyse-Aufgabe auf den „last paragraph“, ohne dass dieser im Text klar ersichtlich war. Hier hätte man einfach eine Zeile angeben sollen, was kein Aufwand gewesen wäre. Eine Lehrerin meinte, dass sie die Klausur zwar selbst schwer fand, diese aber endlich auf Abiturniveau gewesen sei. Aus Schülersicht kann ich aber sagen, dass die meisten von uns überhaupt nicht auf einen fiktionalen Text vorbereitet waren.Haben alle aus deinem Kurs die Prüfung als schwierig empfunden? Ja, die Mehrheit unserer Stufe unterstützt die Petition und fand das Englisch Abitur auch deutlich schwerer als in den Vorjahren. Einige meinten jedoch, dass wiederum der Cartoon zum Brexit vergleichsweise einfach gewesen sei. Besonders die deutlich höhere Schwierigkeit des zeitaufwendigen Leseverstehens empfinden aber sehr viele als unfair!Was erhoffst du dir von der Petition?Zunächst einmal erhoffe ich mir vom Kultusministerium eine Anpassung des Erwartungshorizonts, wie es auch die Petition fordert. Die offensichtlichen Fehler bzw. möglichen Missverständnisse in der Klausur kann ich nicht nachvollziehen, denn diese hätten in einem internen Prüfungsprozess des Kultusministeriums bereits auffallen müssen. Ich finde es zudem sehr fraglich, wie mit der Schwierigkeit des Abiturs jongliert wird. Eine faire Beurteilung der schulischen Leistung sieht meiner Meinung nach anders aus, aber dies sind ganz strukturelle Probleme.Denkst du Schüler sollten bei Prüfungen generell mehr mit entscheiden dürfen? Ich glaube, das ist nicht möglich und auch nicht zielführend. Jedoch sollte das Kultusministerium unsere Kritik ernst nehmen. Das veröffentlichte Statement von Ministerin Susanne Eisenmann hat mich sehr enttäuscht. Sie habe „vollstes Vertrauen in die Lehrkräfte“ und spricht von einem „Ermessensspielraum“, der bei der Korrektur „verantwortungsvoll und ausgewogen ausgeschöpft werden“ sollte. [pullquote]Es kann doch nicht sein, dass die Note von persönlichen Entscheidungen einzelner Lehrer abhängig ist.[/pullquote] Absurd ist ihre Aussage, dass die schriftliche Note ja nur zu 2/3 zur Gesamtnote zählen würde. Zudem meint Frau Eisenmann, es habe in Mecklenburg-Vorpommern, wo derselbe Text verwendet wurde, keinerlei Beschwerden gegeben. Das stimmt, sie unterschlägt dabei aber, dass in diesem Bundesland auch ein zweisprachiges Wörterbuch in der Prüfung gestattet ist, was das Verständnis des Textes natürlich erleichtert. Ich finde es unglaublich, dass die Ministerin in ihrer Stellungnahme auf unsere konstruktiv geäußerte und begründete Kritik nicht einmal ansatzweise eingeht.Möchtest du noch etwas zum Abitur 2018 allgemein loswerden? Ich hoffe, dass diese Petition auch eine Diskussion zur allgemeinen Ungerechtigkeit des Abiturs in Deutschland anstoßen kann. Meiner Meinung nach kann es doch nicht sein, dass in 16 Bundesländern teils verschiedene Prüfungen unter unterschiedlichen Vorgaben geschrieben werden. Zwar gibt es inzwischen einen bundesweiten Aufgabenpool, die Verwendung dieser Aufgaben ist jedoch nicht verpflichtend. Was daran vorteilhaft und gerecht sein soll, erschließt sich mir und vielen anderen nicht. Ich wünsche mir eine zentrale Abiturprüfung für ganz Deutschland, oder zumindest eine Verpflichtung, den bundesweiten Aufgabenpool zu nutzen. Allen Abiturientinnen und Abiturienten wünsche ich noch viel Erfolg bei ihren Prüfungen – und hoffentlich eine faire Bewertung ihrer Klausuren!