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Leistungsdruck: Weil das Leben leider kein Ponyhof ist




Ohne Fleiß kein Preis. Nur die Harten kommen in den Garten. Sprüche, wie wir sie ständig hören. Sie sollen uns daran erinnern, dass wir fleißig und ehrgeizig sein müssen – damit mal was aus uns wird. Erfolg haben, besser sein als die anderen, darauf kommt es im Leben an. Und weil wir dieses Credo seit der fünften Klasse immer wieder vorgebetet bekommen, haben wir das einzig Wichtige verlernt: das Leben zu lieben, den Augenblick zu genießen, uns locker zu machen. Manchmal wissen wir sogar nicht mehr, wie es ist, aufs Bauchgefühl zu hören. Weil wir effizient sind. Und vernünftig. Das finden unsere Eltern toll, und die Lehrer, vielleicht auch mal unser potenzieller Arbeitgeber. Aber was macht das mit uns?

Lern-Maschinen haben keine Spaß

„Ich würde gerne Journalistin werden. Aber ich höre immer wieder, dass es in den Medien kaum sichere Jobs gibt. Und dann frage ich mich: Vielleicht doch besser BWL studieren? Aber das wäre nicht ich, das würde mir keinen Spaß machen“, sagt Sophie. Die 18-jährige Schülerin hat sich viele Gedanken gemacht – und großen Druck. Bis sie irgendwann kapiert hat, dass es so nicht weitergehen kann. Weil das Leben einfach keinen Spaß mehr macht, wenn man erst mal zur Lern-Maschine mutiert ist. Aber wie konnte es überhaupt dazu kommen, dass wir es nicht mehr schaffen, einen Nachmittag lang ohne schlechtes Gewissen zu chillen?

Früher, schneller, besser

„Erst kam der Bachelor, dann das verkürzte Abi. Beides erzeugt einen ungeheuren Leistungsdruck. Junge Menschen haben heute das Gefühl, nur noch zu hetzen“, sagt Karin Wilcke. Die Studien- und Berufsberaterin hat immer wieder Schüler und Studenten vor sich sitzen, die mit den Nerven am Ende sind. „Viele machen sich selbst den Druck, ein Einser-Abi zu schaffen, dann sofort ein Studium aufzunehmen, um dann mit 21 ins Berufsleben zu starten. Dabei wissen sie gar nicht, was sie überhaupt studieren sollen“, erzählt Karin Wilcke. Und weil sich die meisten Schüler unsicher sind, entscheiden sie sich für die sichere Bank: BWL oder Jura. Dabei machen ihnen diese Fächer vielleicht gar keinen Spaß. Aber vernünftig ist es halt. Klar, wer Geschichte oder Politikwissenschaft studiert, bei dem stellt sich mehr als einmal im Semester die unangenehme Frage: Wie willst du damit später mal Geld verdienen? Dabei kann man auch mit Fächern wie Soziologie, Germanistik oder Kunstgeschichte tolle Berufe ergreifen. Die liegen vielleicht nicht auf der Straße – aber es gibt sie. Wenn man ein paar Praktika macht, mit Dozenten spricht, offen für Neues bleibt.

Persönliche Interessen zählen mehr als der NC

Was viele unserer „Generation Leistungsdruck“ nicht checken: Das Leben ist mehr als eine sichere Zukunft in einem soliden Job. Und einen Job kann man nur dann richtig gut machen, wenn man Begeisterung und Leidenschaft für ihn hat. Wie wäre es also, erst herauszufinden, was man liebt – und dann den passenden Beruf zu wählen? „Manche studieren Medizin nur deshalb, weil sie ein sehr gutes Abi in der Tasche haben. Das ist ein ganz falscher Ansatz. Denn die persönlichen Interessen zählen, nicht der NC“, findet Karin Wilcke.

Chillen statt büffeln

Und dann ist da noch die Sache mit dem Zeitdruck. Wir glauben, möglichst früh fertig sein zu müssen. Aber wer stellt allen Ernstes einen 21-jährigen Uni-Absolventen ein? „Unternehmen nehmen lieber den, der Lebenserfahrung und Interessen hat und sich in der Welt ein bisschen umsehen konnte. Ein Studium schnell und effizient durchzuziehen, das allein zählt nicht“, sagt Karin Wilcke. Aber wie den Druck von sich nehmen, wenn er einmal da ist? „Ich lass mich nicht verrückt machen. Dann schreibe ich halt mal keine Eins“, sagt Sabrina. Die 16-Jährige nimmt sich bewusst Zeit für sich, in der sie nicht an die Schule oder den nächsten Test denkt. Und sonst? „Man sollte das, was einem wirklich Spaß macht, nicht aufgeben – nur um mehr Zeit zum Lernen zu haben“, meint Karin Wilcke. Weil wir einen Ausgleich zum leistungsorientierten Leben brauchen. Also weiterhin zum Fußballtraining gehen oder Geige spielen. Das machen, was der Seele guttut. Und immer wieder klarmachen: Wir sind mehr als unsere Noten. Jeder von uns ist eine Persönlichkeit mit eigener Meinung, Neigungen und einzigartigen Talenten. Wir müssen uns nur die Zeit geben, diese zu entdecken. Und das schafft man eben nicht, wenn man von der Schule an die Uni und gleich weiter in den ersten Job hetzt. Daran sollten wir vielleicht nächstes Mal denken, wenn wir beim Chillen am Baggersee wieder ein schlechtes Gewissen bekommen.Dies ist ein Artikel aus der aktuellen Ausgabe der YAEZ (#65). Weitere Artikel findet ihr hier.
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