www.yaez.com

Jan Kammann: In den Ländern seiner Schüler




Jan Kammann unterrichtet an einer Europaschule in Hamburg Schüler mit unterschiedlichster Herkunft. In seinem Sabbatjahr hat er vierzehn Länder bereist, um die Heimat der Kinder und Jugendlichen kennen zu lernen, denen er täglich gegenübersteht.Jan KammannWie kommt man überhaupt auf die Idee, so eine Reise zu unternehmen?Naja erstmal bin ich Lehrer, aber ich bin auch Mensch und als solcher war ich auch immer viel unterwegs in der Welt - das heißt eine gewisse Neugier ist mir schon zu eigen. Die Kids, die in meine Klasse gehen, haben mir gespiegelt, wie viel ich eigentlich noch nicht weiß und wie viel die Schüler mir voraus haben. Hier kommt die ganze Welt quasi in einem Raum zusammen. [pullquote]Ich wollte einfach mehr davon erfahren.[/pullquote]Bist du dann ein komplettes Jahr gereist, oder warst du zwischendrin auch mal in Deutschland?Ich war nur ein paar Tage zu Hause. Ich bin erst losgefahren in den Iran, und dann zurück über Armenien, Georgien, Istanbul, kurz und über den Balkan, Kosovo, Albanien und Italien. Danach war ich noch in Polen und nur da war ich ein paar Tage zu Hause. Meine Freundin hat mich abgeholt und wir sind gemeinsam nach Kuba geflogen, auch da kommt eine Schülerin her. Dann also Kuba, Nicaragua und Kolumbien und über den Pazifik über Mexiko nach Südkorea. Von dort aus nach China, durch die Mongolei und mit dem Zug durch Russland.KlassenzimmerAls du von der Reise zurückgekehrt bist - hast du da eigentlich Urlaub davon gebraucht? Ja ... nein - Wir waren glaube ich ein bisschen mehr als drei Monate in Südamerika und waren dort schon sehr im Urlaubsmodus, das war bei 30 Grad schon sehr schön. Was hat die Reise mit dir gemacht? Mir ist bewusst geworden, dass ich privilegiert bin. Zum Beispiel war ich in Ghana als letzte Station der Reise und habe mir dort angesehen wie in Agbobloshie, Toxic City wird das vor Ort auch genannt, Elektrogeräte auf einer Müllkippe ausgeweidet werden - von Kindern. Das hat ganz unmittelbar etwas mit mir zu tun, denn ich stehe da und sehe einen Röhrenfernseher, den ich vielleicht auch mal gehabt habe. Da frage ich mich: [pullquote]Erwächst aus dem Lebensstil den wir hier pflegen eine bestimmte Verantwortung?[/pullquote] Meine Antwort ist: Ja, natürlich. Das war zum Teil schon düster, aber ich muss auch sagen, dass ich in der Welt so nette Menschen und auch total viel Fröhlichkeit erlebt habe. Auch in Agbobloshie, habe ich noch mit den Leuten gelacht. Mir ist ganz große Herzlichkeit widerfahren. Überall, egal wo ich war. Das ist auch etwas, das ich gelernt habe - das kann man zurückgeben.LkhagvadorjGibt es etwas, das alle Menschen gemeinsam haben?Alle Menschen, ganz egal welche Religion oder sonst was - wir wollen doch überall das Gleiche: [pullquote]Wir wollen satt sein und wir wollen nett behandelt werden.[/pullquote] Wir wollen auch ein bisschen tanzen und feiern. Diese Grundbedürfnisse, die haben wir doch alle gemeinsam. Und wir wollen ernstgenommen werden, eine Perspektive haben. Wenn man dafür sorgt, dann sind wir auch schon ganz glücklich. Wie bist du überhaupt unterwegs mit den Menschen in Kontakt gekommen?Ich plauder sehr gerne, das merkst du wahrscheinlich gerade (lacht). Und meine Schüler haben mir einen Reiseführer gebastelt, darin gab es kleine Sprachguides, wie “Hallo”, “Guten Tag”, “Wie komme ich dahin?” , “Was kostet das?” und so etwas. Immer wenn ich in den Reiseführern geblättert habe, haben mich auch Leute gefragt “Sag mal, was ist das denn?” und über sowas kam man dann ins Gespräch.Dennis FoundationWelches Erlebnis war für dich das schönste?Egal wo ich war, ich wurde immer freundlich aufgenommen und habe mich gerne auf Leute vor Ort verlassen und mich drauf eingelassen. Nicaragua ist zum Beispiel ein total faszinierendes Land. Da ist die Küstenlinie am Pazifik und 19 aktive Vulkane reihen sich da auf wie an einer Perlenkette. Vom Kraterrand in einen Vulkan zu gucken und Lava fließen zu sehen, das war ein Erlebnis wo ich gedacht habe “Wie geil ist das denn und wie schön ist eigentlich diese Welt?” [pullquote]Wir verzetteln uns hier oft in so Nebensächlichkeiten und Bullshit.[/pullquote]Schulkinder KolumbienFindest du jeder Lehrer sollte sowas mal machen?Also bei mir waren die Voraussetzungen einfach total günstig. Ich weiß, für andere Leute ist das schwerer. Was ich vielleicht von Kollegen oder von allen Mitmenschen erwarten kann, ist ein offenes Wesen zu bewahren.Wie hat sich dein Sabbatjahr denn auf den Unterricht ausgewirkt?Ach, ganz gut! Ich kann auf ganz vielen Sprachen jetzt ‘Hallo’ und ‘Guten Tag’ sagen, ich habe ja immer noch sehr viel mit internationalen Klassen zu tun. Eine Schülerin aus Ghana, zum Beispiel, kommt aus einem Ort, an dem ich auch gewesen bin. Das gibt den Schülern ein ganz anderes Gefühl. Ayatollah in ShirazHast du irgendwelche Tipps für Leute, die sowas auch machen möchten?Erst einmal bei den Menschen informieren, die vor Ort oder in der Klasse sind. Man sollte aufgeschlossen durch die Gegend laufen und bereit sein, seine eigene Haltung, seine Klischees und Vorurteile zu hinterfragen.Jan Kammann hat ein Buch über die Eindrücke seiner Weltreise geschrieben: "Ein deutsches Klassenzimmer", Piper Verlag, 2018. 304 Seiten.
Publisher : YAEZ Verlag GmbH
URL: