www.yaez.com

Ja ja, Berliner Abi, is klar: Was ist dran am Vorurteil?




„Wenn du dich an der Uni bewirbst, wird dein Abi gleich mal um eine halbe Note abgewertet, weil du in Berlin Abi gemacht hast!“ So lautet ein verbreitetes Gerücht, das sich nicht nur Abiturienten in Berlin erzählen. Auch in Nordrhein-Westfalen oder Bremen kursiert in den Oberstufen die Befürchtung, das Abitur aus dem eigenen Bundesland könnte weniger wert sein als eines aus Bayern oder Baden-Württemberg. Gute Noten zu bekommen sei dort nämlich viel schwieriger. Selbst hochrangige Lehrervertreter und Politiker lassen sich immer wieder zu solchen Aussagen hinreißen: Mancherorts sei das Abitur eben zu einfach. Aber stimmt das? Wir haben bei der Kultusministerkonferenz (KMK) nachgefragt. Dort stimmen sich die Bildungsminister aller Bundesländer über schulpolitische Fragen ab. Andreas Schmitz von der KMK sagt: [pullquote]Der Kultusministerkonferenz ist daran gelegen, dass Abiturnoten der erbrachten Leistung tatsächlich entsprechen und dass sie bundesweit vergleichbar sind[/pullquote] Die KMK hat bereits verbindliche Standards für die Prüfungen in den Fächern Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch festgelegt. Sie gelten ab diesem Schuljahr für alle Bundesländer. Aber warum wird dann nicht gleich ein nationales Zentralabitur eingeführt, bei dem alle Abiturienten in der ganzen Republik am selben Tag dieselbe Aufgabe lösen müssen? „In den Ländern gibt es ein Zentralabitur. Noch zentraler müssen wir nicht werden. Das Abitur muss in ganz Deutschland vergleichbar sein – dafür tun wir einiges, aber es muss nicht über ganz Deutschland hinweg zentral geschrieben werden“, sagt Andreas Schmitz. Als einen Grund nennt er, dass die Prüfungen ja nur ein Drittel der Gesamtnote ausmachen.

Was zählt wie viel?

Ein Rest Unsicherheit bleibt, ob die Anforderungen deutschlandweit wirklich vergleichbar sind. Hinzu kommt, dass die einzelnen Noten der letzten beiden Schuljahre von jedem Bundesland unterschiedlich addiert und gewichtet werden. Auch was die Auswahl der Pflichtfächer angeht, gibt’s Unterschiede: In Sachsen sind drei Naturwissenschaften im Abi Pflicht, in Berlin darf das Fach Religion – anders als in Bayern – gar nicht in die Wertung miteinbezogen werden. Für die Stiftung für Hochschulzulassung (SfH), bei der man sich für Fächer wie Medizin, BWL, Jura oder Psychologie bewerben muss, macht es dennoch keinen Unterschied, wo jemand sein Abitur abgelegt hat. Dort hat man die „Abitur-Bestenliste“ entwickelt, bei der jeder Abiturient mit allen Abiturienten seines eigenen Bundeslandes verglichen wird – Bayern konkurrieren also nur mit Bayern, Berliner nur mit Berlinern um einen der begehrten Studienplätze. Bei der SfH geht man davon aus, dass auch die Universitäten bei den Fächern, bei denen sie selbst über die Zulassung entscheiden, keinen Unterschied zwischen den Herkunftsbundesländern der Bewerber machen.

„Wir waren schon ein wenig verunsichert.“

Sören Credit James Zabel Sören, 20, studiert im ersten Semester Geschichte und hat 2015 Abi an einem Berliner Gymnasium gemacht. Wir wollten wissen, was er von der Debatte um das Berliner Abi hält. Ende letzten Jahres hat der Präsident des Lehrerverbandes gesagt, das Abi sei in Berlin zu leicht, und Bundesländer wie Bayern sollten damit drohen, das Berliner Abi nicht anzuerkennen. Was denkst du über solche Aussagen? Man hört schon oft, dass das Abi in Berlin sehr leicht sei. Als Schüler kann man das schwer beurteilen – man hat ja keinen Vergleich, wenn man nicht aus einem anderen Bundesland hergezogen ist oder von hier wegzieht. Mein Eindruck ist, ein bisschen mehr Anspruch könnte dem Berliner Abi nicht schaden. Aber man kann es sich eben nicht aussuchen, wo man geboren wird, aufwächst und zur Schule geht. Aber das Berliner Abi nicht anzuerkennen ist keine Lösung. Kann ich aber auch nicht ernst nehmen. Hattest du manchmal Sorge, dass es für dich ein Nachteil sein könnte, „nur“ ein Berliner Abi zu haben? War das ein Thema unter euch Schülern? Dieses Vorurteil ist allen bekannt, aber geredet haben wir da weniger drüber. Angst vor der Konkurrenz aus den anderen Bundesländern hatten wir auch keine, denn realistisch betrachtet ist ja klar, dass unsere Abinoten bei der Bewerbung an der Uni nicht abgewertet werden, nur weil wir Berliner sind. Wir haben uns eher darüber Sorgen gemacht, wie viel unser Abi eigentlich wert ist und ob man für das Studium dann auch wirklich qualifiziert ist. Das verunsichert einen, wenn man immer hört, das Abi sei in Berlin so leicht. Man weiß nicht, ob man nun für einen bestimmten Studiengang gut vorbereitet ist oder doch zum Beispiel mit einer Ausbildung anfangen sollte. Wie könnte eine Lösung aussehen? Ich denke, dass zum Beispiel die Unis Studienbewerber eher nach ihren fachlichen Kompetenzen aussuchen sollten und nicht nur nach NC. Dann wäre der Auswahlprozess auch fairer, und die Abinoten würden nicht so ins Gewicht fallen. Jetzt entsteht auf viele Lehrer schnell großer Druck, sobald der Notenschnitt der Klasse mal absackt. Würde am Ende nur das Können und nicht der Schnitt zählen, hätten wir die Diskussion um ein „zu leichtes“ Abi vermutlich gar nicht.
(Foto: James Zabel)
Publisher : YAEZ Verlag GmbH
URL: