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Ich bin mal nebenan: Ein Auslandsjahr in Europa




„Es gibt Wichtigeres, als mit 18 Abi zu haben“

Ole, 19, verbrachte ein Schuljahr in EnglandAn die erste Begegnung mit meiner Gastmutter erinnere ich mich noch genau: Als sie mich nach meiner Ankunft in England vom Bus abholte und mich ansprach, verstand ich nämlich kein Wort. Sie sprach unheimlich schnell und hatte einen ausgeprägten südenglischen Akzent. Kein Vergleich mit dem Schulenglisch, das ich gewohnt war. Schockiert hat mich das nur kurz, schließlich war ich genau aus diesem Grund für zehn Monate nach England gekommen: Um den Alltag in einer fremden Sprache zu meistern, ganz ohne Hilfe meiner Familie und die Unterstützung meiner Freunde.Nach diesem ersten – leicht sprachlosen – Zusammentreffen ging es übrigens rasch bergauf und das nicht nur, was das Verständnis angeht. Ich hatte eine wirklich tolle Zeit und habe meine Liebe für das Land und die Sprache entdeckt. Die ist so groß, dass ich mich entschieden habe, nach meinem Abitur Englisch auf Lehramt zu studieren. Mein Schulabschluss hat sich durch den Auslandsaufenthalt übrigens um ein Jahr verschoben. Als Problem habe ich das aber überhaupt nicht empfunden: Ich finde, es gibt Wichtigeres, als mit 18 Jahren das Abitur zu haben. Ich habe mich als Mensch weiterentwickelt, bin reifer geworden und selbstständiger. Und ich bin sicher, dass auch zukünftige Arbeitgeber es schätzen, wenn man in jungen Jahren den Mut aufgebracht hat, etwas zu machen, von dem man nicht wusste, wie es ausgeht. In meinem Fall jedenfalls hat es sich gelohnt.

„Sogar Weihnachten habe ich mit der Gastfamilie gefeiert“

Berenike, 18, ging zehn Monate lang in Frankreich zur SchuleDass ich während der Schulzeit ins Ausland gehen wollte, stand für mich schon früh fest. Eigentlich hatte ich mir Australien als Ziel ausgeguckt, aber das war leider budgetmäßig nicht drin. Eine Alternative musste her: In meiner Heimatstadt Berlin besuche ich seit dem fünften Schuljahr eine bilinguale, deutsch-französische Schule, da lag es nahe, dass ich mich für einen Auslandsaufenthalt in Frankreich entscheide.Nach der zehnten Klasse verschlug es mich in einen kleinen Ort in Südfrankreich, etwa 30 Kilometer entfernt von Toulouse. Vom ersten Moment an habe ich mich dort wohlgefühlt, das lag vor allem daran, dass ich mich gleich in den ersten Tagen mit ein paar Mitschülern angefreundet habe, mit denen ich in den darauffolgenden Monaten viel Zeit verbracht habe. Bis heute haben wir engen Kontakt und besuchen uns gegenseitig. Und auch zu dem Land selbst habe ich in den zehn Monaten meines Aufenthalts eine besondere Verbundenheit aufgebaut. Ich bin bewusst in all der Zeit nicht nach Deutschland gefahren und habe sogar Weihnachten in meiner Heimat auf Zeit verbracht, denn ich wollte so viel wie möglich an Traditionen und Sitten kennenlernen. Noch heute vermisse ich die Sprache, die lockere Art zu leben und das gute Essen. Aber wer weiß, vielleicht kehre ich eines Tages noch einmal für einen längeren Aufenthalt zurück, beispielsweise für ein Auslandssemester. Vorstellen könnte ich es mir auf jeden Fall.

„Zum Glück durfte ich nicht in die USA“

Sophie, 19, besuchte eine Schule in IrlandMeine Eltern wollten nicht, dass ich für ein Schuljahr in die USA gehe – die Entfernung war ihnen zu groß. Klar war ich erst mal richtig sauer. Dann ergab sich aber die Möglichkeit, an eine Schule in Irland zu gehen und alle Wut war schnell vergessen. Ich habe mich von Anfang an in das Land und seine Bewohner verliebt. Nicht nur die Landschaft hat mich begeistert, sondern auch meine Gastfamilie: Vater, Mutter und vier Kinder zwischen zehn und 20 Jahren. Hinzu kamen zwei Gastschülerinnen aus Spanien und Italien, mit denen ich mir während meines Aufenthalts ein Zimmer teilte und mit denen ich auch heute noch regelmäßig Kontakt habe. Was für andere nach Chaos klingt, hat mir gleich das Gefühl gegeben, zu Hause zu sein, da ich selbst vier Geschwister habe. Auch mit der Sprache hat es wunderbar geklappt – und das, obwohl ich anfangs Bedenken hatte. Englisch war in der Schule immer eine Art Problemfach, aber schon in den ersten Wochen hat mich meine Gastmutter gelobt, dass ich immer besser werde. Und tatsächlich: Nach ein paar Monaten habe ich angefangen, englisch zu denken, das war eine spannende Erfahrung.Irland ist nicht nur mein absolutes Lieblingsland geworden, ich würde sogar so weit gehen, es als meine zweite Heimat zu bezeichnen. Im Nachhinein bin ich geradezu froh, dass meine Eltern mir den USA-Austausch ausgeredet haben, sonst hätte ich mich nie für Irland entschieden.

„Um etwas Neues zu lernen, musst du nicht 10.000 Kilometer weit fliegen“

Ivo Thiemann vom unabhängigen Bildungsberatungsdienst weltweiser erklärt, warum ein Schüleraustausch innerhalb Europas genauso toll ist, wie einer in den USA oder in Neuseeland. Herr Thiemann, die USA sind mit weitem Abstand das beliebteste Land für Schüleraustausche – warum ist das so? Das liegt zum einen an den im Vergleich zu anderen englischsprachigen Gastländern geringeren Kosten, zum anderen daran, dass man immer wieder von Leuten hört, die dort waren und eine tolle Zeit hatten. Die schwärmen nach ihrer Rückkehr bei Freunden und Bekannten und das bringt diese wiederum auf die Idee, es ihnen gleichzutun. Dabei geraten andere Länder, vor allem innerhalb Europas, in Vergessenheit. Zu unrecht? Absolut! Auch Länder wie Großbritannien, Frankreich, Spanien oder Polen sind als Ziele wärmstens zu empfehlen. In erster Linie geht es ja darum, eine andere Kultur kennenzulernen, die Sprachkenntnisse zu verbessern, seinen Horizont zu erweitern und die gewohnte Umgebung eine Weile hinter sich zu lassen, um unabhängiger und selbstständiger zu werden. Und dafür muss man nicht 10.000 Kilometer weit fliegen. Diese wichtigen Erfahrungen kann man auch bei unseren Nachbarn machen. Viele Schüler würden gern ins Ausland, haben aber Angst vor den Kosten. Was raten Sie denen?Tatsächlich kostet ein solcher Austausch in der Regel mehrere Tausend Euro. Doch es gibt Lösungen: beispielsweise das Auslands-BAföG, bei dem man je nach Einkommen der Eltern einen Höchstsatz von 504 Euro plus eine Reisekostenpauschale von maximal 1000 Euro erhalten kann. Darüber hinaus vergeben zahlreiche Austauschorganisationen und diverse staatliche Stellen Stipendien (www.schueleraustausch-stipendien.de).Infos gibt’s auch auf https://weltweiser.de
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