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Einser-Abi für alle: Ist es zu leicht geworden, gute Noten zu bekommen?




Zwölf oder sogar dreizehn Jahre lang schuften wir für die Schule: Hausaufgaben, Klausuren, Vokabeltests – und am Ende hängt der weitere Lebensweg schließlich doch von einem einzigen Zeugnis ab. Kein Wunder, dass das ultimative Ziel für die meisten deshalb eine 1,0 auf dem Abiturzeugnis ist. Schließlich möchte man für die jahrelange Schufterei auch gebührend belohnt werden und danach genau den Ausbildungs- oder Studienplatz bekommen, den man sich wünscht.

1,0 für alle?

In den letzten Jahren schaffen immer mehr Abiturienten in Deutschland den Abschluss mit 1,0. Niedersachsen hat sich die Zahl der Einser-Abiturienten verdoppelt. Während 2007 noch 130 Schüler ihr Abi mit 1,0 abschlossen, waren es 2014 schon 250. Im Jahr 2012 haben in Baden-Württemberg 1160 Abiturienten einen glatten Einser-Schnitt geschafft – dreimal so viele wie noch 2005. In Berlin sind es sogar 14-Mal so viele wie vor zehn Jahren.

Ist doch super!

Umso besser, könnte man denken. Bessere Noten lassen schließlich auf fleißigere und schlauere Schüler schließen. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, sieht das allerdings anders: „Zeugnisse dürfen nicht zu ungedeckten Schecks werden.“, sagt er in einem Interview. Seiner Meinung nach werden gute Noten also oft ungerechtfertigt vergeben. Im internationalen Vergleich schneiden deutsche Schüler nämlich nicht so gut ab, wie das Ergebnis der aktuellen PISA-Studie zeigt.

Warum zu viele Einsen zum Problem werden

Da eine sehr gute Note an Wert verliert, wenn sie sehr oft vergeben wird, spricht man in diesem Zusammenhang auch von "Noten-Inflation". Die sieht auch Bildungsexperte Prof. Dr. Axel Plünnecke kritisch: "Problematisch kann eine Noteninflation dann werden, wenn die Note ihre Aussagekraft zu Lernfähigkeit, Belastbarkeit, Fleiß und andere Eigenschaften verliert", meint der Wissenschaftler im Interview mit YAEZ. Denn mehr Einser-Abis bedeuten nicht etwas mehr Chancengleichheit, sondern im Gegenteil, wie Plünnecke erklärt: "Es ist auch eine Frage der sozialen Gerechtigkeit. Kindern aus reichen Elternhäusern fällt es leichter, durch außerschulische Aktivitäten wie Auslandsaufenthalte oder Praktika einen tollen Lebenslauf zu haben. Schulische Leistungen verlieren für andere dann an Wert, wenn die Noten kaum variieren."

Bayerisches Abitur > Berliner Abitur?

Kein Wunder aber, dass so viele Schüler nach dem Einserschnitt streben, wenn in vielen Bereichen ein Studium ohne Bestnote gar nicht möglich ist. Da hilft es auch wenig, wenn der Lehrerverbandschef fordert, dass „anspruchsvollere Bundesländer […] die Abiturzeugnisse anspruchsloser Bundesländer nicht mehr anerkennen [sollten]". Wenn es nach Kraus ginge, würden in Zukunft beispielsweise Unis in Bayern ein Einser-Abi aus Berlin nicht mehr akzeptieren.Wir finden: Wäre es nicht sinnvoller, bei Studiengängen mehr auf Eignungstests als nur auf den Numerus Clausus zu setzen? Denn nur, weil jemand eine 2,0 im Abi hat, heißt das ja nicht, dass diejenige nicht für ein Psychologie-, Jura-, oder Mathematik-Studium geeignet ist.Hier verrät euch ein Einser-Abiturient, wie er eine 1,0 im Abi geschafft hat. Und hier erklärt ein Bildungsexperte, warum es immer mehr Einserkandidaten gibt.
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