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Zu Hause: Wo wohnt dein Herz?




Zu Hause, Heimat, was ist das eigentlich? Hat das was mit dem Land zu tun, in dem wir leben oder geht es eher darum, mit eurer Familie unter einem Dach zu wohnen? Könnten es auch ein Platz an den Tischtennisplatten hinter der Schule sein, an der ihr euch jeden Nachmittag mit euren Kumpels trefft, die Couch im Jugendzentrum, der Wald, in dem ihr lange Spaziergänge mit eurer Lieblingsnachbarin macht und über all das sprecht, was euch gerade so bewegt? Hat zu Hause überhaupt etwas mit einem Ort zu tun – oder geht es vielleicht eher um das warme Gefühl im Bauch, das sich einstellt, wenn ihr euch rundherum wohl, gesehen und geliebt fühlt?Psychiaterin Aydan Özdağlar hat darauf eine klare Antwort: [pullquote]Heimat hängt nicht von einem Ort ab.[/pullquote] Entscheidend sei, dass wir uns aufgehoben fühlen. Und dafür bräuchten wir vor allem Räume, in denen wir über persönliche Belange und Probleme offen sprechen können. Für manche, so Aydan Özdağlar, ist das innerhalb der Familie der Fall. Andere fühlen sich vor allem im Freundeskreis verstanden. Aber auch eine Gemeinde kann ein Umfeld bieten, sich zu Hause zu fühlen. „Allein die Qualität der Beziehungen ist entscheidend. Am Ende geht es dabei immer um das Gefühl von Zugehörigkeit.“

Zu Hause hat keine GPS-Koordinaten

„Wo gehöre ich hin?“, ist laut Aydan Özdağlar eine Frage, die wir uns irgendwann alle stellen. „Die Pubertät ist eine Altersphase, in der es um Orientierung geht.“ Das Ziel sei dabei nicht, am Ende fix sagen zu können ,Ich gehöre da oder da hin‘, sondern zu erkennen ,Das bin ich‘.“ Zugehörig können wir uns deshalb an den verschiedensten Orten, bei ganz unterschiedlichen Menschen fühlen. Zu Hause hat keine fixen GPS-Koordinaten, kann nicht mit statischen Ländergrenzen oder auf dem Papier mit dem Festschreiben von Nationalitäten gefasst werden. Das Gefühl von Heimat ist vielfältig, existiert losgelöst von Herkunft.Außerdem ist zu Hause nicht zwangsläufig in der Einzahl vorhanden. Für uns selbst mag das klar sein. Wir spüren, wo unsere Herzen wohnen, und zeichnen das Bild unseres Zuhauses selbst. Trotzdem gibt es immer wieder Momente, in denen jungen Menschen weisgemacht wird, sie würden wegen ihres kulturellen Hintergrunds nicht dazugehören. Die sich anhören müssen, wo sie stattdessen zu Hause sind, obwohl der Bauch doch etwas ganz anderes sagt. Das ist nicht nur anmaßend und verletzend, sondern aus psychologischer Sicht auch gefährlich. [pullquote]Zugehörigkeitserfahrungen sind für die Identitätsentwicklung essentiell[/pullquote] hält Aydan Özdağlar fest. „Die aktuelle rechtspopulistisch aufgeheizte Stimmung führt leider oft zu Ausschlusserfahrungen und Selbstwertproblemen bei jungen Menschen, denen ein anderer kultureller Hintergrund zugeschrieben wird.“

Niemand sollte sich für eine Heimat entscheiden müssen

Grundsätzlich sollte niemand von uns das Gefühl haben, Mensch zweiter Klasse zu sein – und gleichzeitig sollten wir alles dafür unternehmen, niemandem dieses Gefühl zu geben. Manchmal steckt Unsicherheit dahinter. Oft wissen wir voneinander gar nicht so genau, wie das Zuhause unseres Gegenübers aussieht. Wir leben in unseren Blasen vor uns hin, anstatt in der Schule oder auch in der Freizeit bewusster aufeinander zuzugehen. „Man könnte sich gegenseitig zum Beispiel viel mehr einladen“, sagt Aydan Özdağlar. „Warum nicht mal jemanden zu Weihnachten mit nach Hause nehmen, der Weihnachten noch nie gefeiert hat? Vor kulturellen Grenzen wird oft Halt gemacht. Grenzüberschreitungen in dem Bereich darf man ruhig wagen.“ Gleichzeitig sollten wir niemanden dazu drängen oder uns zwingen lassen, uns für ein Zuhause, eine Heimat zu entscheiden.Aus verschiedenen Kulturen nur das mitzunehmen, was man möchte, ist völlig normal. „Wenn das eine rot ist und das andere blau, ergibt sich ein rot-blaues Muster. Der eigene kulturelle Ursprung lässt sich nicht verleugnen, aber er sorgt nicht dafür, dass man dadurch auf einen Ort oder eine Gruppe festgelegt ist.“ Wichtig sei, dass wir alle von unserem privaten und auch gesellschaftlichen Umfeld die Freiheit bekommen, darüber entscheiden zu dürfen. Nur wir selbst können sagen, wo, wann und vor allem mit wem wir uns zu Hause fühlen.  
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