www.yaez.com

Wir Patchwork-Jünger: Glauben, was sich gut anfühlt




Sonntagmorgen, 9.30 Uhr. Die Straßen sind leer, kein Mensch weit und breit. Ben zieht sich Jacke und Schuhe an und macht sich auf den Weg zum Gottesdienst. Allein, ohne seine Eltern, die werden ohne ihn frühstücken. Ben verbringt gern den Sonntagvormittag in der evangelischen Kirche. Zeit nur für sich und seine Gedanken. Die Woche Revue passieren lassen. Dankbar sein für das Gute, was passiert ist. Der Glaube bedeutet dem 17-Jährigen viel: „Vor allem Vertrauen und Hoffnung. Es gibt mir Kraft zu wissen: Da ist jemand, der auf mich aufpasst. Auch dann, wenn gerade niemand für mich da sein kann.“ Spiritualität ist auf einmal wieder ein großes Thema. Was erst einmal komisch klingt. Denn unsere Gesellschaft säkularisiert sich immer weiter. Die Leute treten aus der Kirche aus, lehnen Glauben in Zeiten von Terror im Namen Gottes ab. Es ist nicht mehr selbstverständlich, einer Religion anzugehören.

Wir sehnen uns nach Spiritualität

Aber es gibt eben auch noch eine zweite große Strömung – Experten sprechen vom Patchwork-Glauben. Viele Menschen sehnen sich nämlich mehr denn je nach Spiritualität, nach Glück und beständigen Werten. Nur eben nicht so institutionalisiert wie in der Kirche. „Gerade Jugendliche bauen sich ihren Glauben aus ihren eigenen Erfahrungen selbst zusammen. Ein bisschen Engel, ein bisschen Horoskope, dazu christliche Werte: fertig ist das persönliche Patchwork-Glaubensmodell“, sagt Tobias Faix, Professor für praktische Theologie und Leiter des Forschungsinstituts Empirica für Jugendkultur und Religion in Kassel. Der 48-Jährige wertet alles aus, was in Bezug auf Jugend und Religion auf seinem Schreibtisch landet. Faix ist sich sicher: Obwohl prozentual gesehen immer weniger junge Menschen an einen Gott glauben, ist da eine tiefe Sehnsucht nach Sinn, Spiritualität und Halt. Aber auf eine erfrischend pragmatische Art und Weise. „Junge Menschen fragen sich, was ihnen der Glaube im Alltag nutzen kann. Und so ziehen sie sich bewusst die Aspekte heraus, die zu ihnen und ihrer Lebenssituation passen. Sie überlegen genau, was sich gut anfühlt“, sagt Tobias Faix. Anders formuliert: Wir stellen uns in Bezug auf Religion und Gott Fragen, die man sich auch sonst im Leben öfter stellen sollte. Weil man sich und seine Bedürfnisse so besser versteht.

Glauben? Auslegungssache!

Auch die Shell Jugendstudie bestätigt, was Tobias Faix herausgefunden hat. 2015 hat die Studie eine Art Glaubens-Wasserstandsmeldung herausgegeben und kam zu dem Ergebnis, dass der Glaube an einen Gott, wie ihn die Kirche lebt, abnimmt. Doch der Glaube an sich steigt. An Werte, an Übersinnliches, an ein individuell zusammengestelltes Glaubensgerüst. „Ich glaube, dass es etwas gibt, dass die Menschen verbindet. Das ist etwas Spirituelles. Aber für mich gibt es keinen Gott, der im Himmel sitzt und richtet. Ich glaube da eher an die Evolution“, sagt Julia. Die 17-Jährige steht genau für diesen Trend: Sie ist aufgeklärt, setzt sich aber mit Spiritualität auseinander. Und zwar auf ihre Art und Weise. Und nicht, wie es die „Erfinder“ des Christentums vor über 2.000 Jahren aufgeschrieben haben.

Das Gefühl dazuzugehören

Klar, die christlichen Kirchen haben ein angestaubtes Image. Allen voran die katholische. Dass Frauen nicht Priester werden können, Homosexuelle diskriminiert werden oder Pfarrer nicht heiraten dürfen dafür haben viele kein Verständnis mehr. Diese Regeln aus einer anderen Zeit haben mit dem heutigen Leben nichts mehr zu tun. Im Kontrast dazu wirkt die evangelische Kirche geradezu modern, liberal und lebensbejahend. Bei Jugendkirchentagen spielen diese Unterschiede keine Rolle. Da feiern junge Leute Gott und das Leben, bis zu 9.000 Gläubige kommen zu diesen Veranstaltungen. „Die Menschen genießen das Gefühl, zu etwas Großem zu gehören. Sie können sich emotional ganz darauf einlassen und spüren, dass sie mit ihrem Glauben nicht allein sind. Deshalb haben Jugendkirchentage einen so immensen Zuspruch“, sagt Tobias Faix.Wie Ben ist auch Jeremie gläubiger als seine Eltern. Die Familie lebt die Traditionen des Judentums, geht aber nur zu hohen Feiertagen in die Synagoge. Anders Jeremie. „Es tut einfach gut, den Rabbi zu sehen. Ich genieße die Atmosphäre beim Gottesdienst, obwohl ich nur wenig Hebräisch spreche“, sagt der 17-Jährige. Er hat schon an unzähligen Sommercamps teilgenommen. „Das war immer wie Strandurlaub mit jüdischem Touch. Vor dem Frühstück singen alle die Morgengebete. Die kann ich noch heute auswendig“, erzählt Jeremie. 
Publisher : YAEZ Verlag GmbH
URL: