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Wir müssen über Rassismus reden!




[pullquote]Ist doch nicht so schlimm, jemanden zu fragen, woher er kommt[/pullquote]Malcolm: Die Frage wird zum Problem, wenn beispielsweise die Antwort „aus München” nur dann akzeptiert wird, wenn du so aussiehst, wie der Fragesteller sich eine Person aus München vorstellt: weiß, vielleicht sogar blond und blauäugig. Schwarze Menschen machen oft die Erfahrung, dass ihre Antwort nicht akzeptiert wird und weiter gebohrt wird: „Nee, also wo kommst du wirklich her?” oder „Ja, aber wo sind deine Wurzeln?” Das bestätigt das völkische Denken, dass wer Deutsch automatisch gleich weiß ist. Deutschsein ist nichts völkisches, es ist eine Nationalität, eine Staatsbürgerschaft. Außerdem kann die Frage nach der Herkunft der Großeltern oder Eltern emotional viel auslösen, was nicht geeignet ist für Small Talk.Jennifer: Genau, Schwarzsein und Deutschsein passt für viele nicht zusammen. Ich werde oft für mein sehr gutes Deutsch und mein damit einhergehendes Lernvermögen gelobt. Auch das suggeriert: Es ist nicht normal, dass ich spreche wie jemand, der hier zu Hause ist.[pullquote]Es gibt doch auch Rassismus gegen Weiße[/pullquote]Malcolm: Natürlich können weiße Menschen auch diskriminiert oder ungerecht behandelt werden. Der große Unterschied ist aber: Es steckt dann keine Struktur dahinter. Spätestens, wenn du eine Wohnung suchst oder am Türsteher vorbei möchtest, wird dein Weißsein in 99 Prozent der Situationen kein Hindernis sein.Jennifer: Wenn du das Gefühl hast, ein Lehrer kann dich nicht leiden, dann ist das unfair. Du musst dir aber keine Gedanken darüber machen, ob es an deiner Hautfarbe liegt. Und beim nächsten Lehrer ist wieder alles anders. Eine schwarze Person trifft aber immer wieder in Behörden, Unternehmen oder Schulen auf ungerechte Behandlung, Vorurteile oder Diskriminierung. [pullquote]Wir haben doch in Deutschland Chancengleichheit[/pullquote]Jennifer: Theoretisch schon, aber für schwarze Menschen gibt es nicht genügend Role Models in bestimmten Branchen, oft trauen sie sich beispielsweise ein Studium deshalb nicht zu. Der Freundeskreis oder die Lehrkräfte können uns dabei zur Seite stehen und uns unterstützen. Denn erst wenn es genug People of Color in Unternehmen oder Institutionen gibt, können sie sich auch vernetzen. Wenn du also das Gefühl hast, jemand braucht deine Unterstützung, gib sie ihm!Malcolm: Chancengleichheit wäre für mich zum Beispiel auch, dass nicht-weiße und andere migrantische markierte Personen im Unterricht etwas über die Kultur von Menschen ihres Phänotyps oder der großelterlichen Heimat lernen. Oder hättest du gewusst, dass die erste Universität der Welt im afrikanischen Mali stand? Ich bin auch dafür, dass in der Schule Klausuren und Tests anonymisiert bewertet werden und dass Mitarbeitsnoten transparenter sind. [pullquote]Was kann ich als Einzelner schon gegen Rassismus tun[/pullquote]Jennifer: Einiges! Nicht wegsehen, sondern Zivilcourage zeigen, wenn du rassistische Pöbeleien oder ähnliches siehst. Bezieh in Absprache mit der betroffenen Person Stellung und sprich deinen Unmut über die Situation aus. Das setzt aber voraus, dass du rassistische Äußerungen und Übergriffe auch als solche erkennst. Das lernst du beispielsweise bei einem rassismuskritischen Workshop, der sich gezielt mit dieser Thematik beschäftigt. Malcolm: Du kannst Schwarze oder andere Menschen mit Migrationshintergrund ernst nehmen, wenn sie dir von einer Rassismuserfahrung erzählen. Es schmerzt, Sachen zu hören wie „Du übertreibst bestimmt, so schlimm war das nicht!”. Wenn du eine Frau bist, übergewichtig, oder nicht heterosexuell, kannst du die Diskriminierung, die du wegen dieser Identitäten erfahren hast, benutzen, um Empathie zu entwickeln. [yaez-box]Malcolm Ohanwe, 27, ist Print- und Online-Journalist und arbeitet unter anderem für Spiegel online und den Bayerischen Rundfunk. Zusammen mit Marcel Nadeem Aburakia hat er den Podcast „Kanackische Welle”. Die beiden Freunde sprechen dort über Identität und Geschlechterrollen.Instagram: @malcolmohanwe[/yaez-box][yaez-box]Jennifer Danquah, 27, ist Bildungswissenschaftlerin, gerade arbeitet sie an ihrer Promotion. Sie verbindet Erwachsenenbildung mit Rassismuskritik und bietet rassismuskritische Seminare, Workshops und Vorträge an. Auf Instagram erklärt sie, was struktureller Rassismus ist oder warum es gefährlich ist, von „wir” und „ihr” zu sprechen. Instagram: @jennidanq[/yaez-box]
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