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Weniger Ungerechtigkeit durch Ernährung: Und wie isst du?




[pullquote]Ich will dazu beitragen, dass es weniger Ungerechtigkeit gibt.[/pullquote]161021_YAEZ_PORTRAITS-0232Mariam, 18, hat dieses Jahr Abi gemacht

Hast du eine bestimmte Ernährungsweise?

Ja, ich bin seit knapp einem Jahr Veganerin. Vor einem Jahr musste ich eine Präsentation für die Schule vorbereiten und hab mich für das Thema Genprodukte entschieden. Bei der Arbeit an dem Vortrag ist mir klar geworden, wie viel Land verschwendet wird, also zum Beispiel riesige Flächen in Südamerika, die nur für Molkereiprodukte für uns Europäer genutzt werden. Oder die Rodung von Regenwald und die Vertreibung von indigenen Völkern. Das war für mich der Auslöser zu sagen: Ich ernähre mich jetzt vegan. Das kam mehr oder weniger von einem Tag auf den anderen. Natürlich weiß ich, dass die Problematik mit der Landwirtschaft noch viel komplexer ist und dass indigene Völker auch aus anderen wirtschaftlichen Gründen vertrieben werden. Aber meine eigene Ernährung ist ein Bereich, in dem ich was tun kann. Meine eigenen Bedürfnisse kann ich zurückschrauben und so vielleicht dazu beitragen, dass es ein bisschen weniger Ungerechtigkeit gibt.

Wie geht’s dir damit? Vermisst du etwas?

Mir geht es gut! Wenn man einmal drin ist in der Denkweise, dann werden viele Dinge selbstverständlich. Und ich hab vorher auch schon immer viel Gemüse und wenig Fleisch gegessen. Ansonsten hab ich mir eigentlich auch vorgenommen, mir nichts zu verbieten. Muss ich aber auch gar nicht. Nur im Sommer, da hatte ich manchmal Bock auf ein cremiges Milcheis und nicht immer nur auf Himbeer-Sorbet.

Wie haben deine Freunde und Familie auf deine Ernährungsumstellung reagiert?

Meine Mutter fand es zuerst überzogen und meinte, ich sei zu jung, um auf so viele Lebensmittel zu verzichten. Aber sie hat mich trotzdem in meiner Entscheidung unterstützt. Dadurch, dass ich viel für uns koche, isst sie jetzt auch meistens vegan und findet es auch lecker und gut. Meine Freunde, von denen auch viele Veganer sind, haben größtenteils positiv reagiert. Manche fühlen sich aber auch ständig angegriffen oder sind genervt, weil ich in ihren Augen immer eine Extrawurst brauche. Ein Beispiel: Ich will Eis essen gehen mit einer Freundin. Dann gibt es in dem Laden aber nur Milcheis. Blöd für mich, aber okay, dann esse ich eben kein Eis. Und meine Freundin ist total sauer und sagt, ich hätte den ganzen schönen Plan kaputt gemacht und allein wolle sie auch nicht Eis essen. Das sind dann schon doofe Situationen.[pullquote]Manchmal wünsche ich mir mehr Verständnis.[/pullquote]161021_YAEZ_PORTRAITS-0521Timon, 16, geht in die 12. Klasse

Du hast Zöliakie. Kannst du kurz erklären, was das ist?

Zöliakie ist eine Nahrungsmittelunverträglichkeit gegen Gluten. Gluten ist zum Beispiel in Weizen, Gerste und Roggen, also in Mehl oder in Nudeln, enthalten. Wenige Milligramm reichen bei mir aus und ich bin zwei, drei Tage mit Erbrechen und Durchfall außer Gefecht gesetzt. Also muss ich Lebensmittel essen, die mit Mehl aus Mais, Reis oder Kartoffeln hergestellt wurden.

Seit wann weißt du, dass du diese Unverträglichkeit hast?

Die Diagnose wurde gestellt, als ich zwei Jahre alt war. Meine Eltern hatten da schon mit vielen Ärzten gesprochen, weil mein Bauch extrem aufgebläht war. Die meisten Ärzte haben aber gesagt, das seien bloß normale Bauchschmerzen und nur weil meine Eltern sich so stressen würden, sei das so schlimm geworden. Erst als ich wirklich im Krankenhaus lag, wurde unter anderem auf Unverträglichkeit gegen Gluten getestet. Damals war das noch ziemlich ungewöhnlich, es gab nicht viele Informationen darüber und auch kaum glutenfreie Produkte, wie es sie heute gibt. Meine Eltern haben dann aus der Not heraus Brot selbst gebacken, was nicht so richtig gut funktioniert hat, und sogar ein Online-Forum für Menschen mit Zöliakie aufgebaut und Treffs für betroffene Kindern und deren Eltern organisiert.

Gibt es etwas, das du vermisst?

Da ich gar nicht weiß, wie zum Beispiel ein „richtiges“ Brötchen schmeckt, fehlt es mir auch nicht. Manchmal ist es nervig, dass ich nicht spontan mit meinen Freunden oder der Familie was essen gehen kann. Döner, Pizza, das fällt alles flach. Und dann vermisse ich manchmal das Verständnis von Leuten, die sagen, ich würde mich nur glutenfrei ernähren, weil das gerade ein Promi-Trend ist und Miley Cyrus das auch macht. Am schlimmsten sind aber die, die meinen, ich würde übertreiben, weil ich nicht nur meinen eigenen glutenfreien Kuchen zu Feiern mitbringe, sondern ihn auch mit einem Extra-Messer schneide. Dabei kann ich schon von einem kontaminierten Messer, also einem, an dem Reste von dem Kuchen mit normalem Mehl dran sind, richtig Probleme mit meiner Verdauung kriegen. Ich bin dann einfach mal zwei bis drei Tage krank, nur weil ich meinen Kuchen mit dem falschen Messer geschnitten hab.[pullquote]Der Körper weiß eigentlich selbst, was er gerade braucht.[/pullquote]161021_YAEZ_PORTRAITS-0349Julia, 19, hat diesen Sommer Abi gemacht

Achtest du auf deine Ernährung?

Ja, ich versuche es. Momentan habe ich wieder eine Phase, in der ich versuche, mich gesund zu ernähren und so wenig Fleisch wie möglich zu essen. Gar nicht, um vegetarisch oder vegan zu leben, sondern einfach weil ich merke, dass es meinem Körper gut tut. Außerdem trinke ich viel Tee und mache Sport. Ich versuche aber, mir nichts zu verbieten, außer vielleicht Süßigkeiten. Ich esse das, worauf ich Appetit habe: Wenn ich zum Beispiel Bock auf Käse habe, dann esse ich eben viel Käse. Der Körper weiß eigentlich selbst, was er gerade braucht.

Seit wann ernährst du dich so bewusst?

Seit ich 17 bin. Ich hab mich damals in einem Fitnessstudio angemeldet und viele Kurse gemacht, unter anderem auch Yoga. Ich habe dann gemerkt, dass mein körperliches Verlangen nach Fleisch irgendwie nachgelassen hat – vielleicht durch den Sport. Und so kam ich darauf, auch die Ernährung mal anders angehen zu wollen. Allerdings hatte ich nach einem halben Jahr ziemlich Heißhunger auf Fleisch und hab das dann wieder sehr schleifen lassen. Jetzt versuche ich gerade wieder mehr darauf zu achten – was manchmal echt schwierig ist, zum Beispiel, wenn man bei Freunden zum Essen eingeladen ist.

Essen deine Freunde nicht so gesund?

Mittlerweile schon. Aber lange war das für die meisten gar kein Thema. Ich denke, da hat sich etwas verändert in den letzten zwei Jahren. Vielleicht auch durch die sozialen Medien. Wenn man ständig schön fotografiertes Obst und tolles Essen auf Instagram sieht, hat man da selbst vielleicht auch mehr Lust drauf. Jedenfalls war in meinem Freundeskreis Ernährung noch vor zwei Jahren gar kein Thema. Aber jetzt wird es gerade eins.
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