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Tote Mädchen lügen nicht: „Ich gucke nicht weiter“




[caption id="attachment_38986" align="alignright" width="225"] Lena hat nach der zweiten Folge aufgehört. Foto: Privat[/caption]Eines ist klar: Es gibt keine weiteren Kassetten. Hannah Baker ist und bleibt in „Tote Mädchen lügen nicht" zwar in stereo, aber eindeutig nicht mehr live. Schülerin Lena (17) gibt zu: Schon bei der ersten Staffel waren Szenen dabei, die ich lieber nicht gesehen hätte. Jetzt gibt es zumindest schon viele Trigger-Warnungen." [pullquote]Ich gucke nicht weiter, das ist einfach zu heftig.[/pullquote]Ein Referendar eines Frankfurter Gymnasiums verrät uns: „Zur Veröffentlichung der neuen Staffel ging eine E-Mail ans Kollegium. Wir sollen jetzt noch verstärkter auf Anzeichen von Suizid, Mobbing und Gewalt achten.” 

Was sind schon Warnungen?

Vor Ausstrahlung der Serie kommen die Schauspieler zu Wort. Sie belehren uns darüber, die Serie nicht anzuschauen, wenn wir uns in einer ähnlichen Situation befinden oder damit zu tun haben. Aber hält das jemanden wirklich ab? Wir wissen ja gar nicht, was uns da erwartet und was es in uns auslösen könnte. Falls es euch doch zu sehr reizt die zweite Staffel anzuschauen, solltet ihr die Trigger-Warnungen (Szenen, die bestimmte Gefühle in einem auslösen können) einer Twitter-Nutzerin ernst nehmen: Die Produzenten strengen sich an, die Serie mit möglichst vielen Hilfestellungen zu versehen und deutlich zu machen, dass es fiktiv ist: Redakteurin Verena hat sich die zweite Staffel angeschaut und ist der Meinung: Eine Staffel ist genug.

Ab hier gibt’s Spoiler: Achtung, wir gehen wirklich ins Detail!

 

Gibt es eine Wahrheit?

Hannahs Geschichte aus ihrer Perspektive ist vorbei. Die Kassetten haben bereits mehrere Personen gehört und im Laufe der Staffel werden alle veröffentlicht. Was vorher nur eine ausgewählte Gruppe an Menschen wusste, wissen auf einmal alle. Ob sie es glauben, wird allerdings nicht groß thematisiert. Bryces Freundin glaubt Jessica im Laufe der Folgen, bleibt aber trotzdem mit ihm zusammen. In einem Gerichtsprozess verklagt Hannahs Mutter parallel die Schule dafür, nicht gehandelt zu haben. Die anderen Schüler werden befragt und nach und nach wird Hannahs Geschichte zu der von anderen. Dabei kommen die einzelnen Schicksale zu kurz. Es wird angerissen, dass es jeder schwer hat und es immer zwei Seiten gibt. Überraschend war zum Beispiel, dass Zach Dempsey mit Hannah eine geheime Beziehung geführt hat. Wie er den Tod verkraftet, wird allerdings ausgelassen und nur angedeutet. Vom Sportler, der sich nicht traut zu Hannah zu stehen wird er zum weichen Typ, der Alex dabei hilft, sich zu rehabilitieren. [gallery columns="2" size="large" ids="38997,38977"]

Tot oder lebendig?

Mit den Kassetten war Hannah in der ersten Staffel für alle hörbar. In der zweiten Staffel erscheint sie Clay immer wieder. Dabei ist sie gestylt und sieht so aus, als ob ihr nichts und niemand etwas anhaben könnte - als würde sie eben noch leben. Einem wird das Gefühl vermittelt, dass sie noch etwas mitentscheiden kann, denn Clay fragt sie immer nach Rat. Die Endgültigkeit von einem Suizid wird auch hier wieder aufgehoben und die Kritik an der Darstellung, wie Hannahs Selbstmord gezeigt wurde, keimt wieder in uns auf. [gallery columns="2" size="large" ids="38979,38980"]

Du kannst nichts verändern!

Die Botschaft, die Schülern vermittelt wird, ist in der zweiten Staffel noch bedenklicher, als in der ersten. Trotz der harten Anschuldigungen und auch dem Geständnis von Vertrauenslehrer  Mr. Porter, Hannah nicht geholfen zu haben, verlieren die Barkers den Prozess gegen die Schule. Insgesamt rücken die Vergewaltigungen von Bryce Walker mehr in den Vordergrund. Dabei hat es wohl nicht gereicht bei Hannah und Jessica als Opfer zu bleiben - selbst vor der eigenen Freundin macht Bryce nicht Halt. Opfer Jessica traut sich nach einem langen Kampf mit sich selbst, vor Gericht gegen ihn auszusagen. Aber wer geht ins Gefängnis? Justin Foley als Mittäter, weil er nicht eingegriffen hat. Bryce kommt lediglich mit einer Bewährungsstrafe davon.[gallery columns="2" size="large" ids="38982,38981"]Auch das Schicksal von Tyler Down ist nicht schön mit anzusehen. Vom Außenseiter, der von Hannah als Stalker beschuldigt wird, findet er endlich Freunde. Aber das würde ja die Spannung nehmen. Er verliert diese Freunde in kurzer Zeit wieder und Montgomery misshandelt ihn schwer. Sein Ausweg? Ein Amoklauf, der in letzter Minute zum Glück verhindert werden kann. Wie bei Hannah will ich vor meinem Laptop schreien: Nein, mach es nicht! Und auch wenn es spannend ist: Muss dieser Preis, dass sich jemand in Tyler wiederfindet und denkt, dass es keinen Ausweg gibt, wirklich sein?[gallery columns="2" size="large" ids="38999,38998"]

Keine Buchvorlage

Tote Mädchen lügen nicht wird häufig in der Schule als Lektüre im Deutschunterricht verwendet. Es gibt Unterrichtseinheiten dazu und Lehrer betreuen die Auseinandersetzung mit der Thematik und den literarischen Elementen. Dabei soll durch Fragestellungen, wie der Auseinandersetzung mit Clay und Hannahs Gefühlen auf die Emotionswelt der Jugendlichen eingegangen werden. Oft werden Sachtexte zur Tötung bei Jugendlichen hinzugezogen. Den veränderten Erzählstil bemerkt man bei der zweiten Staffel sofort: Nur ist er kein zwingender Schulgegenstand. Auch schon bei der ersten Staffel wurde kritisiert, dass sich Jugendliche nicht alleine damit auseinandersetzen sollten. Jetzt fehlt auch noch die klare Struktur, die durch die dreizehn Kassetten vorgegeben ist. Es wird zwar versucht mit Polaroid-Bildern ein weiteres Retro-Element zu adaptieren, aber jetzt wird der anderen Seite (Hannahs vermeintlichen Tätern) Aufmerksamkeit geschenkt. Die Polaroids werden nämlich im geheimen Clubhaus von den Sportlern aufbewahrt. Die Produzenten haben die zweite Staffel im Wissen um die Kritik über die erste erstellt. Da frage ich mich ernsthaft: Musste zu Selbstmord noch mehr Vergewaltigung, Mobbing und Misshandlung hinzukommen? Selbst wenn es in der Schule thematisiert wird und auf Hilfemöglichkeiten aufmerksam gemacht wird: Bringt das jemandem wirklich was? 

Was ich mir wünsche

Meine Schulzeit ist schon vorbei und trotzdem hat mich die Serie ziemlich bewegt. Ich wünsche mir, dass mit dem Thema verantwortungsvoll umgegangen wird. Natürlich sollten wir vor Suizid, Mobbing und Gewalt nicht die Augen verschließen.  Serien ermöglichen uns, die Perspektive von anderen Menschen einzunehmen, in andere Welten zu blicken - aber wenn sich Charaktere wie Hannah, Tyler, Alex und Co. einsam fühlen und wir alleine vor dem Laptop sitzen und anfangen ihre Lebenswelt auf unsere zu übertragen, ist das wirklich für jeden sinnvoll? Deshalb meine Bitte direkt an dich: Hör auf die Warnungen und nutze Hilfe. Niemand muss sich alleine fühlen.[yaez-box]Hilfestellen:Du hast die Serie geschaut und es ist gerade niemand zum Reden in der Nähe? Die Telefonseelsorge ist 24/7 erreichbar.Du traust dich gar nicht mit jemanden direkt darüber zu sprechen und würdest lieber chatten? Die Telefonseelsorge bietet auch Chat-Termine an.Oder lieber doch per Mail?Auch eine Face-to-Face-Beratung ist möglich.Du möchtest eine Übersicht über verschiedene Hilfsangebote haben? Du kennst jemanden, der einen Verlust hatte und weißt nicht wie du damit umgehen sollst? Verschiedene Infos findest du hier.[/yaez-box]Übrigens: Hier lest ihr, warum Redakteurin Lea die erste Staffel wichtig fand.   
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