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Stranger Things, Dark, Riverdale: Warum uns dunkle Serien so faszinieren




Netflix wird dunkel. Die erste deutsche Netflix Orginial Serie trägt den passenden Namen dazu: DARK. Schon vorher haben uns Serien mit beängstigenden Themen wie Verschwinden, Mord und Intrigen angezogen. Sei es in Pretty Little Liars die Suche nach A, in Riverdale die Jagd nach Black Hood oder in Stranger Things die Entdeckung einer dunklen Parallelwelt – wir sind auf der Suche nach dem Bösen. Aber wieso eigentlich?

Mord, Verschwinden und eine dunkle Welt sind gerade beliebte Themen in Serien. Warum fühlen wir uns von dem Bösen so angezogen?

Das ist etwas, was eigentlich schon immer so war und sich durch die Gesellschaft zieht. Kultur und dadurch auch Film und Fernsehen leben von zwei Themen – Liebe und Sexualität auf der einen Seite, Gewalt und das Böse auf der anderen Seite. Wir sind alle schon mal mit solchen Gefühlen in Berührung gekommen. Gerade Gewalt ist ja auch etwas, was uns ängstigt und fasziniert. Wir müssen damit lernen umzugehen und Filme oder Serien geben uns dafür eine Plattform der Auseinandersetzung.

Warum haben wir vor der Dunkelheit Angst?

Die Dunkelheit sorgt zum einen für einen Kontrollverlust, da wir nicht mehr sehen können. Mit dem Schlaf ist es ähnlich: Ich kann mich nicht orientieren und höre noch, aber nehme Geräusche nicht mehr wahr und kann daher nicht mehr darauf reagieren. Zum anderen assoziieren wir die Dunkelheit mit dem alleine sein. Wir vergessen das häufig, da es für westliche Kulturen normal ist, alleine in einem Raum zu schlafen. Andere, traditionelle Kulturen sind auch in der Nacht auf engem Raum zusammen. Gemeinschaft mindert also auch die potenzielle Angst vor der Dunkelheit.

Bei Serien wird das Böse oft auch mit Mystery gemischt. Können Sie sich das erklären?

Früher hat man sich Märchen und Gruselgeschichten erzählt – heute nennen wir das Mystery. Unsere Vorstellungen können zwar böse sein, sind aber meist mit einem positiven Ende verknüpft. Es macht uns Spaß, magisch zu denken und sich darüber auszutauschen. Meist denken wir rational: Handlung, Folge – alles logische Zusammenhänge. Das magische Denken vermittelt uns die Möglichkeit, Macht zu haben. Mit deinen Gedanken kannst du die Gesetze außer Kraft setzen und die Welt neu und anders denken. In einer Serie sehen wir dann die Fantasien anderer und das macht es spannend.

Das Böse macht uns also Spaß?

Im Grunde genommen machen uns vor allem die Angst und die Gefahr Spaß. Das Prinzip begegnet uns ja auch auf dem Jahrmarkt: Ich begebe mich in ein Fahrgeschäft, welches eigentlich der absolute Horror ist. Ich weiß aber auch, dass der TÜV es kontrolliert und es alles gut ausgehen wird. Bei Serien ist es noch einfacher: Wir begeben uns gar nicht in tatsächliche Gefahr, sondern schauen nur zu und identifizieren uns mit den Figuren, die sich in Gefahr begeben.

Werden wir durch Mystery, Horror und Krimi-Serien ängstlicher?

Eher nicht. Heute nimmt man Dinge einfach hin, die man früher als schrecklich empfunden hätte. Wir werden mit gewalttätigen Inhalten überschwemmt und sind dahin gehend manchmal vielleicht sogar eher abgestumpft.

Verändert sich das Verhältnis von Gut und Böse mit dem Alter?

In der Pubertät setzen wir uns intensiv mit Gewalt auseinander: Wünsche, Bedürfnisse und eben auch aggressive Fantasien werden vor allem in dieser Zeit ausgelebt. Wir lernen uns selbst kennen und versuchen all die Gefühle und Gedanken miteinander zu verknüpfen und ein funktionierendes System für uns zu erschaffen. Gewaltfantasien gehören dazu und sind nichts Schlechtes. Im Gegenteil: Wenn es keine Gelegenheit in der Jugend gibt, sich mit Gewalt auseinanderzusetzen, kann das auch negativ sein. Die spätere Auseinandersetzung prallt dann gegen das bestehende System. Was heißt das? Wie sollen wir damit umgehen lernen, wenn wir nicht die Möglichkeit haben, uns damit zu beschäftigen.

Haben diese Serien und Filme auch eine positive Funktion?

Serien und Filme nehmen eine wichtige soziale Funktion ein. Wenn wir uns mit Freunden solche Horrorszenarien anschauen, achten wir immer darauf, wie die anderen reagieren. Man merkt, dass man nicht alleine mit seinen Gefühlen und Reaktionen ist: Ich bin auch nicht anders, als die anderen![yaez-box]Prof. Dr. Michael Günter ist ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Stuttgart. Er hat Medizin, Kunstgeschichte und Empirische Kulturwissenschaft studiert und ist unter anderem Herausgeber der Zeitschrift Kinderanalyse. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind: Adoleszenz, Bewältigungsprozesse bei Kindern mit schweren chronischen Erkrankungen, Psychosen im Jugendalter, psychoanalytische Sozialarbeit und forensische Kinder- und Jugendpsychiatrie.[/yaez-box]  
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