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Soziale Phobien: Viele junge Menschen leider unter Ängsten und Depressionen




Ich war schon immer ruhig, ängstlich und verschlossen. Als ich aufs Gymnasium gekommen bin, verstärkten sich meine Ängste. Ich habe befürchtet, dass die anderen mich komisch finden oder nicht mögen. Besonders schlimm war das Gefühl bei Menschen, mit denen ich wenig zu tun hatte. Furchtbar waren auch Referate. Wenn ich vor anderen sprechen sollte, hatte ich panische Angst davor, Unsinn zu reden, und dachte, jeder sieht, wie aufgeregt ich bin. Mir war in solchen Situationen immer furchtbar schlecht.

"Mir war ständig übel"

Im Studium kam es dann noch schlimmer, auf die neue Situation habe ich mit Panikattacken reagiert. Ich konnte kaum an die Uni gehen oder Leute treffen. Wenn ich dann zu Hause blieb, habe ich mich natürlich erst recht als Versagerin gesehen, die ihr Leben nicht auf die Reihe bekommt. Dadurch kamen zu meiner Angst auch noch Depressionen. Mir war ständig übel. Ich habe aber am Anfang nicht verstanden, dass die Übelkeit von der Anspannung und der Angst kommt. Ich war sehr oft beim Arzt, der nach einer körperlichen Ursache gesucht hat. Er schickte mich schließlich zu einer Verhaltenstherapeutin. Die hat in Gesprächen mit mir herausgefunden, dass die Übelkeit immer beim Kontakt mit anderen Menschen auftaucht, zum Beispiel in einer Bar. Diese Angst nennt man soziale Phobie. Psychologen sagen, dass es immer mehrere Ursachen dafür gibt: die Persönlichkeit und Erfahrungen, die man im Laufe des Lebens macht. Das trifft auch bei mir zu: Meine Familie hatte einen großen Einfluss auf meine Ängste. Mein Vater war sehr aufbrausend und cholerisch. Ich musste immer aufpassen, was ich sage. Meine Mutter hat sich genau gegenteilig verhalten. Sie hat mir immer eingetrichtert, nett, brav und vorsichtig zu sein und auf andere Rücksicht zu nehmen. Zusammen mit der Therapeutin habe ich Strategien entwickelt, wie ich mich aus der Angst herausholen und beruhigen kann. Dazu gehört zum Beispiel der Body Scan, mit dem man einzelne Körperteile entspannt. Meine Angst war allerdings so groß, dass die wöchentlichen Sitzungen nicht ausgereicht haben und meine Therapeutin mir vor zwei Jahren empfohlen hat, in eine psychosomatische Klinik zu gehen. Dort habe ich dann gelernt, dass die Angst zu mir gehört und wie ich damit leben kann. Ich weiß jetzt, dass ich nicht an der Krankheit schuld bin, sondern dass viel davon auch von meiner Erziehung kommt. In der Klinik habe ich auch einen Brief an meinen Vater geschrieben, in dem ich meine ganze Enttäuschung in Worte fassen konnte. Ich habe geschrieben, wie unwohl ich mich immer gefühlt habe, wenn ich am Wochenende zu ihm musste, und wie sehr es mich belastet hat, dass wir uns nicht verstehen. Damit konnte ich einen Schlussstrich unter unser kaputtes Verhältnis ziehen. Ich habe mich viel mit anderen unterhalten, die ähnliche Ängste haben, und habe gemerkt, dass ich mich nicht verstellen muss, um gemocht zu werden. Viele junge Menschen leiden unter Ängsten und Depressionen, das hat mir Mut gemacht. Mittlerweile besuche ich meine alte Therapeutin einmal im Monat. Außerdem gehe ich immer noch regelmäßig zu einer Selbsthilfegruppe. Dort sind alle zwischen 18 und 25 Jahren. Das hilft mir sehr.

"Die Angst ist kein Monster mehr"

Mittlerweile kann ich ganz gut mit meiner Angst leben, auch wenn sie wahrscheinlich nie ganz verschwinden wird. Ich habe auch gemerkt, dass ich Menschen eigentlich ganz gern mag. Im letzten Semester musste ich ein Referat halten, und am Ende hat es mir sogar Spaß gemacht. Auf Fremde zuzugehen fällt mir zwar immer noch schwer, aber ich weiß, dass ich solche Herausforderungen meistern kann. Die Angst ist kein Monster mehr. Ich habe jetzt mehr Verständnis für mich selbst und werte meinen Charakter nicht mehr. Wenn ich jetzt eine für mich beängstigende Situation durchstehe, lobe ich mich. Früher habe ich mich danach über meine Angst geärgert – zum Beispiel wenn ich einen Club verlassen musste, weil es mir zu voll war. Wenn ich Angst bekomme, sage ich mir immer: "Das ist die Angst, die kommt. Bis jetzt ist noch nie etwas passiert." Das habe ich mir auch auf einen Zettel aufgeschrieben. Wenn die Angst zu stark wird, hole ich ihn raus. Nach meinem Studium würde ich gern länger ins Ausland gehen – zum Arbeiten oder um einen Master zu machen. Dort könnte ich mich neu erfinden und wäre nicht so eingeengt wie in Deutschland.

Lena studiert Wirtschaftswissenschaften an einer Uni in Bayern. Gerade macht sie ihr Praxissemester und plant ein Auslandssemester in Nordamerika.

Faktencheck

Laut einer Umfrage der Goethe-Universität Frankfurt am Main aus dem Jahr 2011 haben 13 Prozent der Mädchen und Jungen zwischen 14 und 20 Jahren Anzeichen einer sozialen Phobie. Besonders betroffen sind Jugendliche aus städtischen Bezirken und Mädchen. Das Hamburger Netz psychische Gesundheit schreibt, dass sieben bis zwölf Prozent der Bevölkerung im Laufe ihres Lebens eine soziale Phobie entwickeln. Bei sopho-net.de und bei vssp.de gibt’s Hilfe.

Woher kommen eigentlich Ängste? Und wofür sind sie gut? Wir haben mit der Psychologin Katja Beesdo-Baum darüber gesprochen.

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