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Neidisch auf die Nächste: Ist Neid in Freundschaften erlaubt?




Darum beneidet Sissy ihre Freundin Céline:

Als ich Céline das erste Mal gesehen habe, war ich beeindruckt. Sie arbeitete als Moderatorin bei dem Onlinesender, bei dem ich ein Praktikum gemacht habe. Die ist verdammt hübsch, war mein erster Gedanke, und als nächstes habe ich feststellen müssen, dass sie auch noch richtig nett war. Diese Erkenntnis hat mich irgendwie deprimiert. Weil Menschen die außergewöhnlich hübsch sind, oft wenigstens nicht auch noch außergewöhnlich sympathisch sind. Am Anfang habe ich mich immer gefragt, wie es wohl ist, mit Céline befreundet zu sein. Immerhin war sie gerade zur Miss Baden-Württemberg gewählt worden und dabei, ihr Studium erfolgreich abzuschließen. Und ich saß zu der Zeit ständig vor „Grey’s Anatomy“, weil ich nichts mit mir anzufangen wusste. Heute weiß ich, dass es extrem cool ist, mit ihr befreundet zu sein. Ich bin nicht einen Augenblick deprimiert, wenn ich Céline treffe. Sondern dankbar, sie als Freundin gewonnen zu haben. Wenn wir uns zum Feiern verabreden, ist sie nämlich nicht Miss Baden-Württemberg, sondern einfach nur eine meiner besten Freundinnen. Trotzdem bin ich immer noch fasziniert davon, wie sie es schafft, die Menschen um sich herum zu beeindrucken. Das klappt vor allem so gut, weil Céline an sich glaubt. Dafür beneide ich sie am meisten. Denn an sich selbst zu glauben macht schön, egal wie man aussieht. Céline möchte Moderatorin bei einem großen Sender werden, und ich weiß genau, dass ich irgendwann den Fernseher anschalte und Céline die Filmfestspiele in Cannes moderiert oder von der Börse in New York berichtet. Wenn jemand das Zeug dazu hat, dann sie. Ich hoffe, dass das auch irgendwann jemand über mich sagen wird. Aber ich weiß, dass es eigentlich nicht von dem Urteil anderer abhängt, ob ich das Zeug zu etwas habe oder nicht. Auch das lernt man, wenn man eine Freundin wie Céline um sich hat. Es ist egal, was andere Menschen denken. Man kann fast alles erreichen, wenn man selbst davon überzeugt ist.

Und das würde sich Céline gern von Sissy abschauen:

Wenn ich mir Elisabeth von Österreich-Ungarn vorstelle, denke ich an eine warmherzige, fröhliche und starke Frau. Genau so ist Sissy auch. Ich erinnere mich genau an unsere erste Begegnung. „Hey, ich bin Sissy, und wahrscheinlich werden wir in Zukunft öfter zusammenarbeiten.“ Ernsthaft? Dein Name ist Sissy? So wollte ich doch früher immer heißen. Als ich sie gemustert habe, sind mir Sissys Haare aufgefallen. Sissy hat die schönsten Haare, die ich je gesehen habe: nussbraun, lang und unendlich dick. Sie trägt nie Make-up und sieht trotzdem immer wunderschön aus. Hin und wieder sage ich ihr, was für eine Schönheit sie ist – auch ohne Lidschatten und Lippenstift. Dann guckt sie immer beschämt nach unten und flüstert: „Gar nicht, Céline.“ Sie stellt ihr Aussehen nie zur Schau. Vielleicht ist es das, was sie so schön macht. An ein Gespräch mit ihr denke ich oft: Wir haben über unsere Zukunftspläne diskutiert. Ich möchte Karriere machen, viel Geld verdienen. Natürlich wünsche ich es mir auch, morgens mit guter Laune ins Büro zu spazieren, doch das steht für mich nicht an erster Stelle. Für Sissy schon. Für sie ist es das Wichtigste, in einem Job zu arbeiten, für den sie brennt. Sie ist wirklich der einzige Mensch, den ich kenne, dem es egal ist, wie viel er verdient. Sie liebt Kunst, Geschichte und den Journalismus. Wie willst du in dem Bereich jemals genug Geld verdienen, um viermal im Jahr zu reisen und in einem tollen Apartment in der Stadt zu wohnen? So oft habe ich sie das schon gefragt. Doch für Sissy ist all das nicht so wichtig. Das finde ich unheimlich beeindruckend, und darum beneide ich sie sehr. Ich kann mir vorstellen, dass sie später ein Museum leitet und für ein Kulturmagazin schreibt. Letztendlich ist mir durch Sissy klargeworden, wie wichtig es ist, das, was man tut, zu lieben. Denn nur dann kann man wirklich gut werden – und wenn man richtig gut ist, verdient man auch genug Geld. Wann auch immer ich vor einer Entscheidung stehe, denke ich an Sissy und frage ich mich: Macht dich das wirklich glücklich, Céline?12596374_576596029185931_874018156_n

Das findet Hannah an ihrer Freundin Clara beneidenswert:

Wenn man sich so gut kennt wie Clara und ich, dann stößt man im Alltag ständig auf die Stärken und Schwächen der anderen. Oft bin ich neidisch auf Menschen, die etwas besitzen, das ich nicht habe, oder erfolgreicher sind. Aber auf meine beste Freundin bin ich nicht in dieser Form neidisch, weil ich ihr alles Positive gönne. Ich bewundere sie eher für ihre Stärken. Seit vielen Jahren spielt Clara Theater. Ich finde es toll, dass sie den Mut hat, sich vor vielen Leuten auf die Bühne zu stellen und zu schauspielern. Mich beeindruckt, dass sie diese Leidenschaft als Theaterpädagogin später zum Beruf machen möchte und schon einen genauen Plan von ihrer Zukunft hat. Und ich bin mir ganz sicher, dass sie ihren Traum verwirklichen wird! Wie viele kreative Köpfe ist Clara manchmal etwas verplant – oft erledigt sie Dinge auf den letzten Drücker. Das kann nerven, aber andererseits bewundere ich sie dafür, dass sie meistens trotzdem alles schafft.Wenn es darum geht, spontan ein Fotoshooting zu machen oder zu verreisen, ist sie immer sofort mit dabei. Ihre spontane Art macht jeden langweiligen Schultag erträglich, und wir finden immer etwas Neues, das wir am Wochenende unternehmen können. In sehr vielen Dingen sind wir uns ähnlich, und doch bewundere ich sie oft dafür, dass sie so taff ist. Ganz allein im Norden in einer kleinen Stadt studieren, weit weg von Familie und Freunden? Für sie kein Problem, ich könnte mir das nicht vorstellen. Ihr Mut zeigt sich auch im Alltag. Ich weiß noch, wie sie mir vor über drei Jahren eine E-Mail geschrieben hat, ob ich Lust hätte, bei einer Art „Projekt“ mitzumachen. Sie würde sich gern mehr trauen, neue Leute kennenlernen und einfach mehr tun, als nur davon zu träumen oder zu reden. Klar, dass ich da „Ja“ gesagt habe. Denn viel zu oft lasse ich mich von Hindernissen aufhalten, anstatt einfach mal über meinen Schatten zu springen. Diese E-Mail war der Beginn unserer engen Freundschaft, die ich nicht mehr missen möchte.

Und das bewundert Clara an Hannah:

Gute Freunde müssen nicht immer gleich gut in allem sein oder die gleichen Dinge spannend finden. So haben auch meine beste Freundin Hannah und ich zwar viele gemeinsame Interessen, aber trotzdem schauen wir dem anderen gern mal zu, wenn er voll in seinem Element ist. Bei Hannah trifft das auf Bücher und das Lesen zu – es ist unglaublich, wie viele sie in einem Monat verschlingt. Noch viel beeindruckender ist ihr Blog „Wonderworld of Books“, auf dem sie die Bücher bespricht und mir damit immer neue Inspiration für die nächste Lektüre gibt. Ich frage mich immer, wie sie neben der Schule und anderen Hobbys noch die Zeit dafür findet, mehrmals die Woche Posts zu veröffentlichen. Hannahs Traum ist es, an der Hochschule für Medien in Stuttgart zu studieren, und ich kenne keine Person, die ich dort eher sehen würde als sie: Sie hat schon Praktika bei verschiedenen Verlagen gemacht, während ich entweder gar nicht darauf komme, in den Ferien arbeiten zu gehen, oder allein immer ewig brauche, um eine E-Mail zur Bewerbung für ein Praktikum abzuschicken. Ich bewundere die Zielstrebigkeit, mit der sie ihre Ziele verwirklicht. Sie ist ein Mensch, der genau weiß, was er will, und der sich von seinem Weg auch nicht so leicht abbringen lässt. Hannah wird es nie zu viel, sie ist eine Freundin, die noch nie absichtlich nicht ans Telefon gegangen ist, weil sie mal die Nase voll von der Welt hatte, oder die freiwillig mal einen ganzen Tag im Bett liegen bleibt, weil sie sich einfach nur unter der Decke verstecken möchte. Ich bewundere sie dafür, wie sie mit schwierigen Tagen umgeht, wie sie sich doch immer erneut aufrappelt und das Beste aus allem macht. Es gibt so viele Dinge, die ich an meiner besten Freundin bewundere, und manchmal würde ich mir auch nur zu gern etwas von ihren Eigenschaften abschneiden. Aber eigentlich ist es doch so, dass gerade die unterschiedlichen Talente unsere Freundschaft erst richtig spannend machen.image

Das beneidet Melanie an Dilana:

Was ich wirklich an Dilana beneide liegt hinter der wunderschönen Fassade. Seit der fünften Klasse besuchten wir die gleiche Schule und irgendwie kannte und mochte jeder Ini. Wenn sie einen Raum betritt, liegen alle Blicke auf ihr und man hört ihr gerne zu. Während ich meist nur ein gezwungenes ‚Hallo!‘ rausgebracht habe, wusste Dilana immer, wie sie die gesamte Klasse mit ihren Geschichten unterhält. Sie ist gleichzeitig Stufenbeste und Sweetheart der Schule gewesen. Während ich das Gefühl hatte, am Abitur zu krepieren und die Zeit nur mit viel Gummibärchen und Serien als Stressbewältigung überstanden habe, hatte ich bei Ini das Gefühl, es würde ihr leicht fallen und sogar Spaß machen. Jetzt im Studium in der Prüfungszeit hat sich das nach wie vor nicht geändert. Man merkt einfach, die Frau hat was auf’m Kasten! Und sie ist ein absolutes Sportass. Wenn man ihr sagt sie soll springen, fragt sie wirklich wie hoch und das nicht nur, weil ihr Hobby Hochsprung ist. Trotz alldem ist sie niemals abgehoben, hat sich für jeden immer viel Zeit genommen und selbst dem hoffnungslosesten Fall Physik näher gebracht. Auch wenn Dilanas Erscheinung anfangs etwas einschüchternd wirken kann, da es den Eindruck macht, als würde sie alles mit Leichtigkeit bewältigen, bin ich unglaublich froh sie zu haben. Wenn ich an mir zweifle, hilft sie mir über mich hinaus zu wachsen. Wenn ich deprimiert bin, bringt sie mich zum Lachen und ich kann mich immer darauf verlassen, dass sie da ist, wenn ich sie brauche. Ich hoffe, dass ich für sie genauso eine gute Freundin sein kann, wie sie es immer für mich war und sein wird.

Und das bewundert Dilana an Melanie:

Hugo. Auch wenn sie sich von mir geduldig Meltschaney, Melenderich oder Meltis nennen lässt und eigentlich Melanie heißt; wenn ich an sie denke, denke ich an Hugo. Denn es ist ihr egal, ob sie mal nur ganz kurz bleiben kann oder wir versehentlich auf einem Seniorenfest gelandet sind. Sie bestellt sich immer ein Glas mit dem lustigen Männernamen. Natürlich kann man sich fragen: Was ist daran so beneidenswert? Dabei ist klar, dass es mir eigentlich nicht um das Getränk geht. Ich bewundere daran ihre liebevolle Art. Sie gibt jedem noch so lahmen Treffen die Chance, lustig zu werden und ist voll und ganz für ihre Freunde da. Deshalb ist sie auch immer der erste Gast, während andere erst auskunden, ob es sich lohnt, vorbeizuschauen. Und sie ist eine der letzten, die eine Feier verlässt. So hingebungsvoll mit seinen Freunden umzugehen finde ich beneidenswert. Klar wäre es ein Leichtes, auch über Mellis Äußeres zu erzählen, aber darauf will ich nicht hinaus. Wenn ich in unserem Jahrbuch nachschaue, lese ich Sachen wie „sieht sehr gut aus“ und „zieht immer schöne Kleidung an“ und dem stimme ich zu hundert Prozent zu. Sie ist tatsächlich eine Schönheitsgöttin. Aber eine, die mit mir Spongebob schaut, Piraten imitiert und sich dabei mit Guacamole vollkleckert. Sie nimmt sich selbst einfach nicht so ernst. Erst vor kurzem habe ich sie gefragt, ob sie sich nicht ärgert, dass sie früher nicht so locker aus dem Haus kommen und gehen durfte, wie die meisten anderen. Ob sie nicht bereut, etwas verpasst zu haben. Darüber hört man Menschen ja generell gerne klagen. „Nein, ich bin voll froh. Wer weiß, was aus mir geworden wäre!“ Was nach dieser Antwort folgte, waren ein paar selbstironische Witze über Abende daheim.Ich glaube, ich bin nicht die Einzige, die sich das gerne abschauen würde. Die Art, Dinge auch mal so locker zu sehen. Texte: Sissy Hertneck, Céline Willers, Hannah Jäger, Clara Leukhardt, Dilana Rauch, Melanie Maier
Publisher : YAEZ Verlag GmbH
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