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Max Riemelt im Interview: „Wir sind ein Haufen Idealisten“




Wie reflektiert kannst du jetzt schon auf diese neue Staffel schauen?

Es ist schon schwierig, weil ich das Ganze noch nicht zusammenhängend gesehen habe. Außerdem liegt ein sehr intensiver Dreh hinter mir. Wir waren insgesamt sieben Monate unterwegs und nach einer Weile vermischen sich da die Sachen. Aber es gab viele Highlights, die mich wieder etwas stärker und schlauer gemacht haben.

Meinst du, dass sich in deiner Erinnerung die Realität mit der Fantasie vermischt?

Genau. Wahrscheinlich müsste ich meditieren, um zu reflektieren, was ich wirklich erlebt habe. Aber manchmal bin ich für so viel Arbeit auch zu faul. Ich will mich, meine Freunde und Familie nicht mehr als nötig damit belasten. Und mit ein bisschen mehr Abstand macht es umso mehr Spaß, wieder die ganzen Erinnerungen mit den Leuten hochzuholen, mit denen ich sie auch erlebt habe.

Das ganze Cast ist also eine eng zusammengeschweißte Gruppe?

Wir sind eine Familie geworden. Viele Dinge wurden erst durch die anderen erträglich. Wir haben unsere eigenen Codes, die sonst keiner versteht. Und wenn Human Nature von Michael Jackson gespielt wird, ist das unser Song, bei dem wir natürlich alle mitsingen. Solche Momente werde ich nie vergessen. Es gibt Gefühle, die nur in dieser Kombination entstehen können und die wiederkommen, sobald man beispielsweise durch das Lied wieder an die Situation erinnert wird.

Das klingt wirklich nach einem einmaligen Gruppengefühl.

Ja, bei Sense8 sind echt ein paar starke Persönlichkeiten zusammengekommen. Sie sind alle sehr offen, interessieren sich und haben Lust auf Neues. Sie denken wahnsinnig komplex und sehen in allem etwas Besonderes. Sie sind alle sehr positive und optimistische Menschen mit einer Vision. Ich würde sagen, wir alle sind ein großer Haufen Idealisten.

Lana Wachowski, die die Sci-Fi-Serie zusammen mit ihrer Schwester Lilly kreiert hat, ließ bisher beim Schreiben der Episoden auch viel von deinem persönlichen Charakter in deine Figur mit einfließen. Welche Eigenschaften sind das genau?

Sie mag meinen trockenen Humor. Den wollte sie unbedingt mehr mit reinbringen, genauso wie so ein bisschen von meiner typisch deutschen Art. Aber auch, dass ich plötzlich unerwartet weich sein kann. Sie ist generell sehr aufmerksam und lässt das perfekt in die Serie einfließen. Dadurch wirken die Figuren nicht klischeehaft. Und wenn ich dann auch noch meine sportlichen Skills mit der Rolle zeigen kann, erleichtert es das natürliche Schauspielern ungemein.

Hast du manchmal Sorge, ob die Serie schlüssig ausgehen wird?

Ich mache mir keinen Kopf um das Ende, das Technische beschäftigt mich mehr. Anfangs habe ich mir Sorgen gemacht, ob es komisch aussehen wird, wenn sich die Charaktere gegenseitig besuchen. Werden sie wie bei Star Trek gebeamt? Wie wird das gemacht, so dass es funktioniert? Ich bin sehr kritisch, was Effekte angeht. Aber es wurde dann doch sehr schön und vermeintlich simpel gelöst, allein durch das Positionieren der Schauspieler und der Kameras.

Was hat allgemein deine Liebe zum Filmischen entfacht?

Als Kind war ich total von Superhelden fasziniert. In der Jugend stand ich dann mehr auf realistische Sachen wie La Haine. Daran mochte ich, dass man Einblicke in eine gefährliche Welt bekam, ohne dabei Konsequenzen fürchten zu müssen. Später begeisterte mich auch noch der Regisseur Gaspar Noé. An seinen Arbeiten mag ich immer noch, dass er sich jahrelang genauestens vorbereitet und dann wahnsinnige Kameratechniken anwendet, mit diesen aber im Film nicht prahlt. Für mich ist es wichtig, dass ein Film konsequent erzählt ist. Zuletzt haben mich Victoria und Moonlight absolut vom Hocker gehauen. In solchen Filmen kann ich mich richtig vergessen.

Du bevorzugst wohl eher die harten Themen in Filmen, richtig?

Das Meiste, was gerade in der Welt geschieht, ist hart. Aber das Härteste ist, dass wir das alles ausblenden. Während wir miteinander reden, werden woanders massenweise Menschen umgebracht. Wenn man sich filmisch mit derartigen Tatsachen befasst, finde ich das wichtig und irgendwie befreiend. Ein guter Film sollte unsere Urängste ansprechen. Er sollte sich mit den Dingen auseinandersetzen, die wir im Alltag vergessen. Es ist erschreckend, wie wir Sachen einfach nur noch hinnehmen, ohne richtig über sie nachzudenken. Da finde ich es ganz erfrischend, wenn ich erlebe, dass ich noch überrascht werden kann - besonders wenn es in einem Film um eigentlich ganz normale oder existenzielle Dinge geht.

Es gibt also Momente, in denen du neben dir stehst und dich fragst, was du da eigentlich machst?

Ja, das habe ich auch oft, wenn ich nach langer Zeit in der Stadt mal wieder in der Natur bin. Wenn ich zum Beispiel in den Alpen auf einem hohen Berg stehe, nehme ich mich ganz anders wahr. Ich merke, wie fragil und klein ich bin. So ein Moment relativiert einfach alles. Plötzlich wird alles dank des Perspektivwechsels leichter. Ich denke, jeder sollte solch einen reflektierenden Augenblick hier und da mal haben. Es hilft, um aus dem festgefahrenen Alltag auszubrechen und offen für neue Erlebnisse zu werden. Ich denke, es ist schon eine Herausforderung, die eigenen Gefühle richtig wahrzunehmen.

Wenn du jetzt einen Schritt von dir selbst zurückmachst und auf dich schaust: Wer bist du gerade?

Wie ich mich selbst sehe, ist tagesformabhängig. Aber insgesamt bin ich nicht mehr so streng mit mir und ich nehme nicht mehr alles so persönlich. Diese Einstellung hilft, selbst wenn ich auch mal aus meiner Komfortzone heraus muss. Aber das möchte ich auch, weil ich nur so neue Erfahrungen machen kann.

Die Serie ist sicher auch ein guter Denkanstoß.

Auf jeden Fall. Sie zeigt Mut und macht klar, dass wir uns selbst keine Grenzen setzen sollten. Mauern helfen zwar manchmal, den Alltag besser zu meistern, aber sie enthalten einem eben auch vieles vor, was doch total schade ist.
Publisher : YAEZ Verlag GmbH
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