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„Es reicht jetzt!“ – Drei Schwarze Jugendliche über Rassismus




[pullquote]Oft wird nicht akzeptiert, dass Mainz meine Heimat ist[/pullquote]Louis, 14, lebt in der Nähe von Mainz und geht in die 8. Klasse. Nebenher rappt er und schreibt an eigenen Songs. Für sein Video „Alarm“ steuerte der Sänger und Rapper Manuellsen ein Feature bei.Instagram: @lillouisoffiziellDu bist Deutscher und in der Nähe von Mainz aufgewachsen, wirst du trotzdem oft gefragt, wo du herkommst?Ja, das passiert leider immer wieder. Ich antworte dann, dass ich aus Mainz komme. Meistens wird dann nachgefragt: „Ja, und wo kommst du eigentlich her?“ Und dann: „Aber wo kommen deine Eltern her?“ Inzwischen sage ich solchen Leuten dann, dass ich es respektlos finde, meine Antwort nicht einfach zu akzeptieren und immer weiter nachzubohren. Leider ist es für viele immer noch nicht normal, dass Deutschland eben meine Heimat ist.Welche Erfahrungen hast du in der Schule mit Rassismus gemacht?Vor allem in der Grundschule haben mich Mitschüler rassistisch beleidigt. Da fielen dann Sätze wie: „Geh in dein Land zurück“, oder „Du schleppst hier Krankheiten ein.“ Ich habe erst später gecheckt, dass da auch viel Neid dabei war, weil ich ziemlich beliebt war und in der Theater-AG oft Hauptrollen bekam. Mich hat das damals fertig gemacht, weil ich einfach nicht verstanden habe, was die gegen mich haben.Wie bist du mit den Beschimpfungen umgegangen?Als ich angefangen habe, Musik zu machen und auch auf Instagram zu veröffentlichen, bin ich viel selbstbewusster geworden. Dadurch habe ich es auch geschafft, nicht mehr alles in mich hineinzufressen und mit einem Freund darüber zu sprechen. Das kann ich auch nur allen raten, die Erfahrungen mit Rassismus und Diskriminierung machen müssen: Redet darüber! Egal ob mit den Eltern oder Freunden. Für mich war es wie eine Befreiung, dass ich nicht mehr allein damit war.Glaubst du an eine Zukunft, in der es keinen Rassismus gibt?Wenn ich mir anschaue, was gerade in den USA los ist, kann ich mir das fast nicht vorstellen. Es spielt leider überall auf der Welt noch eine Rolle, wie man aussieht. Und wer dunkle Haut hat, der wird schlechter behandelt. Ich würde mir wünschen, dass sich Menschen, die andere wegen ihrer Hautfarbe diskriminieren, mal überlegen, wie sich das anfühlt. Und wir müssen alle mehr miteinander reden, uns richtig kennenlernen. Denn nur so können wir Vorurteile verlieren.[pullquote]Ich fand es normal, ständig Angst zu haben[/pullquote]Samantha, 21, wuchs in einem Dorf in der Nähe von Limburg auf und studiert Politikwissenschaften und Soziologie in Mainz. Die Uni empfindet sie als einen sicheren Ort, wo sie von Menschen umgeben ist, die sich mit Rassismus auseinandergesetzt haben. Trotzdem reagieren viele ungläubig darauf, dass sie als schwarze Frau wirklich als wissenschaftliche Hilfskraft dort arbeitet.Instagram: @sam_dtsDu bist in einer Kleinstadt aufgewachsen. Hast du dich dort als Kind sicher gefühlt?Nein – aber ich habe erst später gemerkt, dass die ständige Angst nicht normal ist. Ich kannte das ja nicht anders. Wenn ich zum Beispiel eine Freundin in einem Nachbardorf besuchen wollte, habe ich vorher immer überlegt, ob die vielleicht Großeltern hat, die mich wegen meiner Hautfarbe ablehnen. Und bevor ich als Jugendliche auf eine Faschingsparty gehen konnte, musste ich erstmal abklären, ob dort irgendwelche Nazis rumhängen.Wie hast du Rassismus in der Schule erlebt?Rassismus ist in unserer Gesellschaft in allen Institutionen fest verwoben, da ist die Schule leider keine Ausnahme. Ich wurde in der 5. Klasse von einem Mitschüler aufs übelste rassistisch beleidigt. Das allein hat mir schon den Boden unter den Füßen weggezogen, aber viel schlimmer war, dass die Lehrkräfte das überhaupt nicht ernst genommen haben.Wie haben die Lehrkräfte darauf reagiert?Mein Schmerz wurde von ihnen abgetan, sie meinten, ich solle mir ein dickeres Fell zulegen. Keiner hat gesagt, dass Rassismus an der Schule nicht toleriert wird. Stattdessen wurde relativiert, die Tat als Ausrutscher abgetan und als Mobbing unter den Teppich gekehrt. Und die Diskriminierungen gingen dann natürlich weiter. Ich verstehe bis heute nicht, dass Rassismus im Bildungssystem nicht als alleinstehende Form von Diskriminierung gesehen wird, sondern als „ganz normales“ Mobbing.Was sollte sich an Schulen ändern?Die Lehrkräfte dürfen die Augen nicht mehr verschließen – auch wenn es unbequem wird. Die Lehrpläne müssen überarbeitet werden und an jeder Schule sollte es Workshops zur rassismuskritischen Bildung geben. Vertrauenslehrer, Schulpsychologen und Krankenschwestern müssen dafür sensibilisiert werden, wie perfide sich rassistische Denkmuster in unseren Alltag eingeschlichen haben. Ich wünsche mir, dass das Emblem „Schule ohne Rassismus“ zur Selbstverständlichkeit wird und nicht – wie momentan – als etwas ganz Besonderes hervorgehoben wird.[pullquote]Viele Lehrer haben mir nichts zugetraut[/pullquote]Biftu, 21, wuchs in München auf und studiert jetzt in Wien. Zusammen mit ihrer Freundin Anthea betreibt sie den Podcast Feurigsüß, in dem sie über Popkultur, ihren Alltag oder Politik spricht. Auch das Leben mit zwei Kulturen thematisieren die beiden dort immer wieder: Biftu hat äthiopische Wurzeln, Antheas Familie stammt aus Italien.Instagram: @utfibDu bist in München aufgewachsen, wie hast du deine Schulzeit erlebt?Ich hatte das Gefühl, dass die Lehrkräfte mir gegenüber oft unsicher waren. So als wüssten sie nicht so richtig, wie sie mit mir umgehen sollen. Sie haben mir auch nicht so richtig viel zugetraut. Wenn ich auf dem Gymnasium mal eine schlechte Note hatte, rieten mir die Lehrer sofort, lieber auf die Realschule zu gehen. Meine Mitschüler bekamen eher gesagt, dass sie sich das nächste Mal mehr anstrengen sollen. Das Signal an mich war nie: „Das schaffst du schon!” Sondern eher, „du gehörst hier nicht her!”Du hast trotzdem Abitur gemacht, hättest du dir mehr Unterstützung gewünscht?Ja, auf jeden Fall. Das hat sich ja auch nicht auf die Schule beschränkt, sondern auch auf die Freizeit. Für meine weißen Freunde war es zum Beispiel ganz selbstverständlich, im Sportverein zu sein oder ein Instrument zu lernen. Meine Eltern haben solche Aktivitäten nicht so unterstützt, weil sie selbst keinen Zugang dazu hatten. Da hätte ich mir sehr gewünscht, dass mich jemand dazu einlädt, mir signalisiert, dass ich dort auch willkommen wäre.Wie war das Verhältnis zu deinen Mitschülern?Ich hatte immer das Gefühl, ich muss von mir aus mehr auf andere zugehen, ihnen zeigen, dass ich auch so bin, wie sie. Oft habe ich versucht, besonders lustig oder hilfsbereit zu sein, damit ich den Menschen ein Sicherheitsgefühl vermittle. Erst später wurde mir klar, dass es eigentlich nicht meine Aufgabe ist, die Vorurteile der anderen zu entkräften. Denn: Warum muss ich mich beweisen, weil jemand anderes rassistische Denkmuster hat?Nach dem Mord an George Floyd haben viele Influencer eine schwarze Kachel gepostet. Wie fandest du die Aktion?Ich bin da etwas zwiegespalten. Einerseits ist es gut zu zeigen, auf welcher Seite man steht. Gleichzeitig frage ich mich, ob sich diese Personen auch selbst reflektieren und versuchen, allgegenwärtigen Diskriminierungen etwas entgegen zu setzen. Wer einfach nur ein Bild postet und dann weitermacht wie immer, der hat nicht verstanden, dass er Teil des Problems ist. Selbst wenn du dich nicht traust, Stellung zu beziehen, du kannst wenigstens Buch- oder Podcast Empfehlungen teilen oder auf Profile von People of Color hinweisen.
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