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Das ist rein freundschaftlich: Wie soziale Netzwerke Freundschaften verändern




Freunde machen glücklich, Freunde machen gesund, Freunde wirken wie ein natürliches Schmerzmittel – das sind einige Ergebnisse wissenschaftlicher Studien der letzten Jahre. Was auch immer da dran ist, eins ist klar: Unsere Freunde sind uns sehr wichtig. Manche sprechen auch von einer Wahlfamilie – denn unsere Eltern und Geschwister können wir uns nicht aussuchen, Freunde dagegen sind die Menschen, die uns verstehen und uns so akzeptieren, wie wir sind. Aber woher wissen wir, wer unsere Freunde sind?Die meisten Leute sagen von sich selbst, dass sie nur eine Handvoll guter Freunde haben. Im nächsten Moment hört man dieselben Leute aber sagen, sie hätten 500 Freunde bei Facebook. Wer kann denn da noch unterscheiden? Einer, der das kann, ist Kai Erik Trost. Er forscht an der Uni Passau zum Thema „Freundschaft als privater Raum: Untersuchungen zur digitalisierten Alltagswelt von Jugendlichen“ und hat sich intensiv mit dem Einfluss des Internets auf Freundschaften auseinandergesetzt. Er erklärt, dass der Begriff „Freund“ bei Facebook lediglich bedeutet, dass zwei Leute miteinander vernetzt sind. „Dass Leute ,Freunde‘ oder ,Follower‘ auf Facebook oder Instagram anhäufen, halte ich in dieser Hinsicht für nicht freundschaftsrelevant“, sagt er. Das heißt: Natürlich könne eine große Anzahl von Kontakten für manche Leute eine Bedeutung haben, aber dabei gehe es eher um die Suche nach Anerkennung oder Bestätigung – im Sinne von: Ich hab sehr viele Freunde, also bin ich cool.

Was ist denn nun Freundschaft?

Die Antwort darauf, was einen echten Freund ausmacht, kann ganz unterschiedlich ausfallen. Für die einen gehört es dazu, dass man sich regelmäßig trifft und gemeinsam etwas unternimmt. Andere finden häufige Verabredungen nicht so wichtig, sie legen mehr Wert auf Vertrauen und Vertrautheit. Der Autor Björn Vedder hat gerade ein Buch darüber geschrieben, dass sich Freundschaftsdefinitionen immer wieder verändert haben und auch permanent verändern. Für ihn beruht Freundschaft darauf, dass sich zwei Menschen gegenseitig bestätigen, dass sie liebenswert sind, schreibt er in seinem Buch „Neue Freunde: Über Freundschaft in Zeiten von Facebook“. Ob dies online oder offline geschehe, sei erst mal egal.Die meisten Leute können demnach ganz gut unterscheiden zwischen ihren Freunden und Menschen, die von Facebook und anderen Netzwerken einfach nur so genannt werden. Frage an den Experten Kai Erik Trost: Hat sich denn die Zahl der Freunde in den letzten Jahrzehnten verändert? „Grundsätzlich kann man sagen, dass sich die Zahl an engen Freunden im zeitlichen Verlauf nicht groß zu verändern scheint. Dies belegt mittlerweile eine Reihe von Studien. Die Anzahl an Bekanntschaften, also eher locker angelegten Freundschaftsbeziehungen, scheint allerdings zuzunehmen. Dies liegt im Wesentlichen daran, dass wir immer mehr Kommunikationsmöglichkeiten haben.“ Mediale Kommunikationsmöglichkeiten, damit meint Kai Erik Trost: Wir haben heute durch WhatsApp, Instagram, Snapchat, Facebook und all die anderen digitalen Kanäle einfach mehr Möglichkeiten, uns ohne großen Aufwand auszutauschen. Noch vor zehn Jahren musste man sich regelmäßig anrufen oder E-Mails schreiben (oder Briefe!), um über eine größere Distanz in Kontakt zu bleiben – ein ungleich höherer Aufwand.

Online etwas finden, das offline nicht verfügbar ist

Aber nicht nur beim Kontakthalten mit Freunden und Bekannten, die nicht direkt um die Ecke wohnen, können uns die digitalen Kommunikationskanäle helfen. Auch beim Knüpfen neuer Freundschaften könne die Online-Freundeswelt der Offline-Freundeswelt unter bestimmten Umständen etwas voraushaben, sagt Kai Erik Trost: „Zum Beispiel für Jugendliche, die in ihrem sozialen Beziehungsnetz oder in der Schule eher isoliert oder ausgegrenzt sind.“ So können Leute, die sich in ihrem täglichen Umfeld in der Schule oder in der Stadt, in der sie aufwachsen, nicht verstanden fühlen und niemanden finden, mit dem sie sich austauschen können, online nach Freunden suchen. Für viele, die vielleicht nicht der Norm entsprechen, die sich anders fühlen als alle anderen, kann das wie eine Rettung sein. „Der ‚anonyme‘ Kontakt zu ‚Gleichgesinnten‘ schafft soziale Nähe und liefert die emotionale Unterstützung, die einem in der realen Welt vielleicht fehlt“, sagt der Experte.Welchen Einfluss haben soziale Netzwerke denn jetzt auf unsere Freundschaften? Sind wir durch das Internet oberflächlicher geworden, oder hat uns die ständige Vernetzung enger zusammengeschweißt? Für Kai Erik Trost wird der Einfluss der sozialen Netzwerke und Messengerdienste tendenziell überschätzt: „Allgemein würde ich sagen, dass Digitalität mit neuen Möglichkeiten einhergeht, Freundschaften zu pflegen. Damit verändert sich der Raum der Freundschaft, ohne dass dies allerdings mit einem ,besser‘ oder ,schlechter‘ beschrieben werden kann.“ Mit anderen Worten: Die, die uns wichtig sind, wären es auch dann, wenn wir statt Smartphones wieder Telefone mit Wählscheiben benutzen müssten.
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