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Daniela Chmelik: Powerautorin steht für ihren Lieblingssport auf Rollen




Bei „lieben & hassen“ stellen Kreative aus unterschiedlichen Bereichen Dinge vor, die sie entweder von Herzen lieben oder abgrundtief hassen. Diesmal präsentiert Schriftstellerin Daniela Chmelik den zweitteuersten Gegenstand, den sie besitzt.

Daniela, du sagst von dir selbst, verbal nicht besonders schlagfertig zu sein. Wie passt das denn mit deinem Leben als Autorin zusammen?

Na ja, schriftlich kann ich mich schon gut ausdrücken, denke ich. Da habe ich aber auch Zeit, jedes Wort zwanzig Mal und jeden Satz zehn Mal umzudrehen, damit es punktgenau sitzt. Das kann ich im Gespräch ja nicht machen. Da gehöre ich zu denjenigen, die erst eine halbe Stunde später wissen, was man schlagkräftig auf einen Spruch hätte erwidern können. Deshalb mag ich auch in meinem Alltag den schriftlichen Verkehr per Mail und SMS gern. Und wenn ich Leute nicht kenne, begegne ich denen meistens erst mal sehr befangen. Besonders, wenn ich jemanden unbedingt beeindrucken will, dann denke ich immer, dass ich mich überhaupt nicht ausdrücken kann. (lacht) Ich beobachte mich dann ständig so von außen und zensiere innerlich, was ich nicht sagen kann, weil es banal oder langweilig oder doof sein könnte, und dann stottere ich rum oder sage gar nichts und ärgere mich im Nachhinein, wenn mir einfällt, was ich alles Umwerfendes hätte sagen können.

Partys, auf denen du niemanden kennst, sind dann wahrscheinlich ein Horrorszenario für dich, oder?

Ja, schon. Obwohl: Ich bin mit der Zeit selbstbewusster geworden und kann mich inzwischen auch einfach irgendwo hinstellen und die Party beobachten. Ich finde das nicht mehr unangenehm und denke auch nicht mehr darüber nach, dass andere seltsam finden könnten, dass ich alleine auf einer Party stehe. Aber Smalltalk kann ich nicht gut, weil ich immer denke: Oh, ich will nicht Phrasen wiedergeben oder in Klischees sprechen. Ja, oder ich befürchte, dass etwas völlig Abstruses raus kommt. Doof. Dabei ist abstrus meistens lustig. (lacht)

Gibt’s denn gar kein Smalltalk-Thema, mit dem du dich anfreunden kannst?

Ja, doch: mein Sport! Über den kann ich immer sprechen. Das wird dann aber schnell Bigtalk.

Was machst du denn für einen Sport?

Roller Derby! Und deshalb habe ich heute auch diesen Gegenstand mitgebracht: einen meiner Rollschuhe.

Bevor wir zu dem kommen, musst du noch einmal Roller Derby erklären – was genau ist das?

Roller Derby ist ein Vollkontaktsport auf Rollschuhen. In der Regel wird das in einer Sporthalle auf einem Track gefahren, also auf einer ovalen Bahn. Es fahren zwei Teams gegeneinander, bestehend jeweils aus vier Blockerinnen und zwei Sprinterinnen. Die Sprinterinnen starten hinter den Blockerinnen und müssen versuchen, sich durch das Pack durchzukämpfen. Dabei versuchen die Blockerinnen die gegnerische Jammerin rauszuhauen und der eigenen durchzuhelfen. Pro überrundeter Blockerin macht die Sprinterin einen Punkt. Nach etwa zwei Minuten wird für 30 Sekunden unterbrochen, damit sich die Aufstellung neu sortieren kann und Spielerinnen ausgewechselt werden können. Besonders für die Sprinterin ist das wichtig, weil dauernd geblockt werden, fallen, aufstehen (wofür man nur zwei Sekunden Zeit hat) und weitersprinten unheimlich anstrengend, also konditionsaufwändig ist.

Welche Position hast du? Bist du auch Sprinterin?

Ich bin eher Sprinterin, ja, weil ich eine gute Kondition habe. Außerdem sind meine Blocks oft nicht sonderlich effektiv. Na ja, doch: positionell blocke ich ganz passabel. Besonders zum Blocken muss ich noch sagen, dass es da sehr viele Regeln gibt. Das Regelwerk hat über 60 Seiten. Und es gibt mindestens acht Referees, also Schiedsrichter, die außen und im inneren Ring mitfahren und sämtliche Fouls direkt auf die Strafbank schicken. Man darf z.B. nicht mit dem Ellbogen ausholen, nicht zum Kopf oder in den Rücken blocken oder in die Beine grätschen. Spielerinnen und Refs fahren mit Helm und Protektoren - und auch mit Mundschutz. Der Sport ist sehr actionreich und zieht Publikum, besonders bei uns in Hamburg: Unsere letzten Spiele waren immer ausverkauft. Ich finde, Roller Derby ist der beste Sport aller Zeiten!

Zu Spielen welcher Mannschaft muss man denn gehen, wenn man dich sehen will?

Ich bin bei den Harbor Girls Hamburg. Wir sind gut, aber lääängst nicht so gut wie die Bombshells aus Berlin, die in Europa unter den Top 3 sind.

Drew Berrymores Regiedebüt „Whip it“ (auf Deutsch: „Roller Girl“) mit Ellen Page in der Hauptrolle hatte diese Sportart zum Thema. Bist du dadurch zum Roller Derby gekommen?

Nein, ich war schon vor dem Film dabei. Ich habe vom Roller Derby im Missy Magazin gelesen. Ich erinnere mich noch genau daran: Auf dem Titel stand sowas wie „Roller Derby – starker Sport auf Rollschuhen“. Ich war schon ganz aus dem Häuschen, als ich nur den Titel sah. Ich bin als Kind gerne Rollschuhe gelaufen und habe auch einige Zeit Kampfsport gemacht ... Trotzdem habe ich das Magazin von vorne nach hinten durchgelesen, wie ich das immer mache, nur eben immer schneller und schneller, um endlich zu diesem Artikel zu kommen. Und dann stand eigentlich sofort fest, dass ich da hin muss, dass das der Sport ist, den ich immer gesucht habe.

In „Whip it“ hat jede der Spielerinnen einen Kampfnamen. Hast du auch einen?

Klar, ich heiße Original Pirate. (lacht)

Wie ist es denn dazu gekommen?

Ich habe damals sehr gerne das The-Streets-Album „Original Pirate Material“ gehört, und weil wir die Harbor Girls sind, passte der Name im Kontext Hafen und Meer ganz gut. Von den anderen Spielerinnen werde ich übrigens auch oft Pirat gerufen, weil es eine Zeitlang sehr viele Danielas bei uns im Team gab. Ich reagiere sogar darauf, wenn mich jemand auf der Straße so ruft.

Du klingst ja wirklich sehr begeistert von diesem Sport. Dann sind deine Rollschuhe wahrscheinlich deine absoluten Lieblingsgegenstände, oder?

Auf jeden Fall! Die habe ich 2011 zu Weihnachten geschenkt bekommen, beziehungsweise durfte ich mir die Skates selbst aussuchen. Meine Eltern haben mir eine Summe vorgegeben … Meine Skates sind tatsächlich die zweitteuersten Gegenstände, die ich besitze. Ich hätte mir auch ein gebrauchtes Moped dafür kaufen können.

Wo kommen die denn her?

In Berlin gibt es einen Shop, der von der sehr kompetenten Trainerin des Berliner Teams geführt wird. Da bin ich hingefahren und habe mir erst mal einen Schuh ausgesucht, der optimal auf meinen Fuß passt. Das allein hat anderthalb Stunden gedauert. Ich habe noch nie so viel Zeit in einem Schuhladen verbracht! Danach sucht man sich die Plate, also die Achse, die Wheels, die Kugellager und den Stopper separat aus.

Und wie häufig sind die Schuhe nun bei dir im Einsatz?

Wir trainieren zwei Mal die Woche. Und ein Mal im Monat gehen einige von uns in die Skate Hall am Berliner Tor in Hamburg: Da kann man schön Halfpipe fahren. Das mache ich dann aber nicht mit diesem Edelschuh hier, sondern lieber mit meinen alten Skates.
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