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Patchwork-Religion: Welche Rolle spielt Glauben für uns?




 Julia, 17, glaubt an die Evolution [pullquote]Es gibt etwas, das uns Menschen verbindet.[/pullquote]Bist du gläubig?Ich glaube nicht an Gott, aber daran, dass es etwas gibt, dass die Menschen verbindet. Ich würde mich als spirituell beschreiben. Gleichzeitig glaube ich an die Evolution. Und ich bin mir sehr sicher, dass es keinen Gott gibt, der im Himmel sitzt und über die Menschen richtet.Wie steht deine Familie zum Glauben?Meine Mutter ist ganz ähnlich wie ich eingestellt. Meine Großeltern hingegen sind sehr christlich. Wir sind uns nicht ganz sicher, ob mich meine Oma als Baby nicht heimlich taufen lassen hat, als ich mal allein bei ihr war. Sie wollte immer unbedingt, dass ich getauft bin.Feiert ihr denn Weihnachten, wenn ihr nicht an Gott glaubt?Na klar, aber eher als Familienfest. Als eine Art Reunion, dass alle Familienmitglieder nach Hause kommen und sich Zeit füreinander nehmen. Bei uns kommt also nicht das Christkind. Was mir sehr wichtig ist: Ich habe nichts gegen Religion! Außer wenn sie benutzt wird, etwas okay zu machen, was nicht okay ist. Zum Beispiel Homophobie. Ben, 17, betet jeden Abend[pullquote]In der Kirche wirst du nicht bewertet.[/pullquote] Wie bist du zum Glauben gekommen?Im Konfirmationsunterricht, da war ich 13 oder 14 Jahre alt. Eigentlich hatte ich keine Lust, mich mit Gott zu beschäftigen. Meiner Mutter zuliebe bin ich trotzdem hingegangen und habe mich schnell in die Atmosphäre und die Leute verliebt.Wie meinst du das?Unter Jugendlichen wird viel beurteilt. Die Kirche ist hingegen eine „No Judge Zone“. Jeder wird akzeptiert, wie er ist – keiner wird negativ bewertet. Hier sind wir gemeinsam Mensch. Das finde ich schön. Wenn ich später mal eine Familie habe, sind das auch Werte, die ich leben möchte. Nach der Konfirmation habe ich selbst noch drei Jahre Konfi-Unterricht gegeben.Kannst du dir auch vorstellen, später mal Pfarrer zu werden?Eher nicht. Mein Vater arbeitet in der Musikbranche. Das interessiert mich, genauso wie die Sportindustrie. Ich würde gern etwas machen, was Menschen bewegt und zusammenbringt. Die Religion bleibt aber meine Privatsache.Hast du auch ein Ritual für deinen Glauben?Meine Oma hat mir mal ein Gebet beigebracht. Egal ob ich betrunken bin oder verdammt müde: Ohne das Gebet schlafe ich nicht ein! Für mich ist das ein kurzer Moment, um Danke zu sagen und in mich zu kehren. Jeremie, 17, lebt seinen jüdischen Glauben[pullquote]Gott ist für mich die letzte Instanz.[/pullquote]  Wie ist deine Beziehung zu Gott?Ich weiß, dass es Gott gibt, und glaube definitiv an ihn. Er ist für mich die letzte Instanz. Er steht immer hinter mir. Wenn ich jemanden brauche, der mich motiviert, dann ist Gott für mich da.Ist deine Familie auch gläubig?Eher traditionell. Meine Eltern bemühen sich, die jüdischen Traditionen an mich weiterzugeben. Und klar feiern wir auch die Feiertage unserer Religion. Aber regelmäßig in die Synagoge gehe nur ich.Wie ist es für dich, in einem christlichen Land aufzuwachsen?An Weihnachten ist es lustig. In meinem Freundeskreis bin ich dann der Einzige, für den das ein Abend wie jeder andere ist. Ansonsten finde ich mein Leben ganz normal. Bei mir auf der Schule sind alle Weltreligionen vertreten. Da ist es keine große Sache, wenn man nicht Christ ist. Womit ich allerdings nicht so gut klarkomme, ist die Holocaust-Leugnung, das berührt mich schon sehr. Antisemitismus ist eine beängstigende Sache. Ich gehe aber nicht mit konstanter Angst durch die Straßen Berlins. 
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