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Stadt, Land, Heimat: Bleibst du hier?




Fotos: Benedikt MüllerSchon bevor die Corona-Krise alles durcheinandergewirbelt hat, war irgendwie klar: Wir können zwar ans andere Ende der Welt fliegen – aber nachhaltig ist das nicht. Der Klimawandel und die „Fridays for Future“-Bewegung haben ein Umdenken bei vielen von uns angestoßen. Statt stolz ein Fähnchen in die Landkarte zu stecken, haben wir uns gefragt: Kann ich die Reise mit gutem Gewissen machen? Das beeinflusst auch die Entscheidung, wo und wie wir leben wollen. Denn wer sich für ein soziales Jahr in Guatemala entscheidet, der sagt auch „Ja“ zu mindestens zwei Langstreckenflügen – meist mit einem unguten Gefühl. Dass das schlechte Gewissen mitreist, hat auch Trendforscher Simon Schnetzer beobachtet: „Junge Menschen fliegen nicht mehr unbedarft um die Welt, der ökologische Fußabdruck ist vielen einfach zu hoch. Reisen um jeden Preis gibt es nicht mehr und wird vom Umfeld sogar kritisiert.“ Statt zu zeigen, wo wir schon überall gewesen sind, zeigen wir inzwischen also lieber, was wir Gutes für die Umwelt tun? Aber wie können wir unseren Kindern dann später Geschichten von der halsbrecherischen Bootstour auf Bali oder den riesigen Kakerlaken im Hostel in New York zu erzählen? Vielleicht reicht es uns ja in ein paar Jahren auch, die Welt weitgehend von zu Hause aus zu erleben – über Reiseblogs, Instagram-Storys oder digitale Freunde, mit denen wir vernetzt sind.Dass die Digitalisierung bei der neuen Sehnsucht nach festen Strukturen eine Rolle spielt, davon ist Simon Schnetzer jedenfalls überzeugt: „Je digitaler die Kommunikation wird, desto weniger Kontakte haben wir im echten Leben. Dadurch werden verlässliche Anlaufstellen wie Eltern, Nachbarn oder Schulfreunde immer wichtiger.“ Und die sind nun mal nicht auf Bali oder in Südafrika. Ist die neue Sehnsucht also keine nach fernen Ländern, sondern nach Sicherheit, nach belastbaren Beziehungen? „In einer Welt, die sich immer unsicherer anfühlt, ist das Festhalten an dem, was man hat, eine sichere Option“, glaubt Simon Schnetzer. Schließlich bleibt unser Heimatort unberührt von Brexit oder den Eskapaden des amerikanischen Präsidenten – und eine Virenhochburg ist er hoffentlich auch nicht. Reden wir uns die Heimat also nur schön, weil es schwieriger wird, sie zu verlassen? So einfach ist es wohl nicht, viel eher fühlen wir uns dank Whatsapp, Face Time und Co. einfach auch in unserem Dorf als ein Teil vom großen Ganzen. Oder wie es der 17-jährige Chris aus unserer Titelgeschichte formuliert: „Ich glaube meine Generation ist gleichzeitig konservativ und weltoffen. Wir sind vielleicht konservativ, weil wir in unserer Heimat wohnen bleiben, gleichzeitig sind wir aber total weltoffen in unserem Denken, befürworten zum Beispiel die Ehe für alle.“ Eine Generation, die in keine Schublade passt – eigentlich ein schöner Gedanke.[pullquote]Wenn die Welt unsicherer wird, sehnen wir uns nach Heimat[/pullquote]Chris, 17, kommt aus einem kleinen Ort und macht dieses Jahr sein Abitur. Zum Studium möchte er dann erst mal in eine Großstadt ziehen. Eine spätere Rückkehr in die Provinz ist aber nicht ausgeschlossen.Du lebst in einer Kleinstadt, gefällt es dir dort?Ja, ich fühle mich total wohl und mische auch im Alltag mit, war zum Beispiel Oberstufensprecher. Ich mag das Familiäre, dass jeder jeden kennt. Obwohl ich mir manchmal schon wünsche, einkaufen zu gehen, ohne alle fünf Minuten mit jemandem quatschen zu müssen. Aber ich bin meinen Eltern sehr dankbar, dass ich hier aufwachsen durfte, wo die Welt einfach noch ein Stück mehr in Ordnung ist.In diesem Jahr machst du Abi, wie geht es dann weiter?Für mich war immer klar, dass ich für mein Studium auch mal in eine richtige Stadt will. Ich denke, das ist auch für die Entwicklung wichtig, man lernt sich dann auch als Mensch durch viele neue Eindrücke noch mal neu kennen und entdeckt neue Seiten an sich. Auch beruflich gibt es viel mehr Möglichkeiten, tolle Unis und viel mehr Unternehmen.Und wo siehst du dich in 20 Jahren?Da bin ich glaube ich konservativ – ich kann mir nämlich gut vorstellen, wieder hierher zurückzuziehen. Da sehe ich mich dann richtig traditionell in einem Haus mit Garten, Frau und Kindern und einem Hund. Aber vielleicht kommt ja auch alles ganz anders und ich lebe irgendwann im Ausland. Wir haben Verwandte in den USA und das Land fasziniert mich total. Vor allem Kalifornien, das ist auch wirtschaftlich total interessant.Glaubst du, dass deine Generation konservativ ist?Ich beobachte in meinem Freundeskreis schon, dass Heimat eine größere Rolle spielt und dass sich viele vorstellen können, hier in der Region zu bleiben. Das hat bestimmt auch damit zu tun, dass die Perspektiven hier einfach richtig gut sind und man einen guten Job findet. Ich glaube auch, dass wir uns besonders nach Sicherheit und Heimat sehnen, wenn wir das Gefühl haben, die Welt wird unsicherer und unübersichtlicher – da hat man dann das Gefühl: Es geht uns doch wirklich gut hier, warum sollten wir weggehen? Was bedeutet Heimat für dich?Heimat ist schon auch der Ort, an dem ich aufgewachsen bin, einfach weil ich so viele Erinnerungen mit ihm verbinde und weil das ein Stück meiner Kindheit ist. Aber vor allem ist Heimat für mich da, wo meine Familie und meine Freunde sind. Wenn die auf einmal alle auswandern, dann ist eben auch meine Heimat woanders. Ich spüre dieses Heimatgefühl immer besonders, wenn ich auf Reisen bin. Klar macht es Spaß, neue Kulturen zu erkunden, aber am wohlsten fühle ich mich einfach zu Hause. [pullquote] Wenn ich Berge sehe, fühle ich mich sofort zu Hause [/pullquote]Jana, 20, studiert Wirtschaftspsychologie in München. Für ihren Traumstudiengang hätte sie ihre Heimat verlassen müssen – und hat sich deshalb dagegen entschieden.Du hast letztes Jahr angefangen zu studieren. Warum bist du eigentlich nicht in deinen Studienort gezogen?Ich fühle mich hier in meinem kleinen Ort einfach wohl, ich liebe die Berge am Horizont und den Wald direkt hinter unserem Haus. Mit der S-Bahn kann ich ganz bequem zu meiner Hochschule pendeln. Dort bekomme ich ja dann auch etwas vom Großstadtleben mit, das finde ich auch ganz spannend. Aber leben möchte ich dort eher nicht, das ist mir viel zu anstrengend und anonym. Hier in der Kleinstadt muss man sich nicht jedes Mal extra verabreden, um sich mit jemandem zu treffen, das mag ich.Sind deine Schulfreunde auch hiergeblieben?Tatsächlich ja – bis auf eine Freundin. Viele aus meinem Bekanntenkreis sind auch direkt nach dem Abi für ein paar Monate oder sogar ein Jahr nach Australien gegangen und dann hierher zurückgekommen. Ausland auf Zeit sozusagen. Manchmal denke ich mir auch, dass ich doch etwas mehr von der Welt sehen müsste, aber momentan möchte ich hier einfach nicht weg. Vielleicht ändert sich das ja noch, Irland würde mich zum Beispiel interessieren.War für dich nach dem Abi sofort klar, dass du nicht wegziehst?Ich hatte kurz überlegt, ob ich für mein Traumstudium in eine andere Stadt gehen soll, denn hier in der Nähe gibt es Wirtschaftspsychologie nicht an der Uni. Der Kompromiss war dann, stattdessen an eine Hochschule zu gehen, die das Fach anbietet.Du bist also sehr heimatverbunden?Ich glaube schon. Wenn ich den Wald und vor allem die Berge sehe, macht mich das einfach glücklich. Das vertraute Bergpanorama am Horizont ist für mich Heimat. Ich muss dort noch nicht mal hin, es reicht mir schon zu wissen, dass sie da sind. Aber ich merke auch, dass sich der Begriff Heimat für mich mit der Zeit verändert, die Stadt, in der ich studiere, gehört inzwischen auch irgendwie dazu.Freunde oder Familie können ja auch eine Art Heimat sein …Ja, auf jeden Fall. Heimat bedeutet für mich, an einem Ort willkommen zu sein. Und das hängt ja vor allem von den Menschen ab, die einem dieses Gefühl geben. Ohne meine Eltern und Freunde könnte ich meinen Wohnort auch nicht Heimat nennen, dann wäre es nur noch ein Ort voller Erinnerungen. Deshalb glaube ich auch nicht, dass es die eine Heimat gibt, wir können uns an mehreren Orten zu Hause fühlen.[pullquote] Durch Instagram fühle ich mich meinen Freunden näher [/pullquote]Kira, 19, macht eine Ausbildung zur Medienkauffrau. Dafür zog sie von Norddeutschland nach Bayern. Bereut hat sie es bisher überhaupt nicht, dass sie die Ostsee gegen Berge eingetauscht hat.Du bist aus einer Kleinstadt in Norddeutschland nach München gezogen, wie kam es dazu?Ich wollte unbedingt in der Verlagsbranche arbeiten und in München gibt es einfach viele große Verlagshäuser, deshalb habe ich auch trotz der Entfernung überhaupt nicht gezögert, als es dort mit dem Ausbildungsplatz geklappt hat. Ich kannte München schon und mag den Ort und die Menschen.Vermisst du deine alte Umgebung?Ja, schon. Ich mochte es sehr, so ländlich zu wohnen und Wald und Seen und auch das Meer direkt vor der Haustür zu haben. Auch dieses „jeder kennt jeden“ in der Kleinstadt finde ich schön, ich habe da immer das Gefühl, die Menschen interessieren sich mehr füreinander. An die Anonymität der Großstadt musste ich mich erst gewöhnen. Dennoch mag ich München, aber eben auch meinen alten Heimatort. Hast du dich denn gut eingelebt in der Großstadt?Auf jeden Fall. Klar, am Anfang war es ungewohnt – ich war auf einmal ganz auf mich allein gestellt und weit weg von Familie und Freunden. Aber über meine Hobbys, Tanzen, Lesen und Schreiben und meine Instagramseite kiras_bookpage haben mir in der neuen Umgebung geholfen, schnell Anschluss zu finden und mit meinen Freunden in Kontakt zu bleiben. Ich kann mir jetzt sogar vorstellen, für längere Zeit in München zu bleiben. Was bedeutet dir der Begriff Heimat?Das ist für mich der Ort, an dem die Menschen sind, die ich am liebsten mag. Bei denen ich mich einfach wohlfühle. Ich finde es wichtig, dass ich einen Platz habe, auf den ich zurückgreifen kann, wenn ich mal nicht so recht weiß, wo ich stehe. Lustigerweise habe ich aber erst nach meinem Umzug angefangen zu überlegen, was Heimat eigentlich für mich heißt.[pullquote] Bei meinem Freund fühle ich mich daheim [/pullquote]Sunny, 22, ist Sängerin und hat schon als Straßenmusikerin in Australien gelebt. Auf ihrem Instagram-Account @sunny.accs_music singt und musiziert sie.Du warst ein Jahr lang in Australien – wie kam es denn dazu?Ich bin Musikerin und wollte sehen, wie es ist in einem anderen Land und sogar auf einem anderen Kontinent als Straßenmusikerin zu spielen. Deshalb haben mein Freund und ich uns einfach ein One-Way-Ticket gekauft und sind ins Unbekannte geflogen. Die Zeit in Australien war wunderschön, ich habe mich noch nie so frei gefühlt.Das klingt toll. Hast du dir auch überlegt auszuwandern?Ja, die Überlegung gab es tatsächlich. Das Leben ist einfach ungezwungener dort, die Menschen sind viel offener als hier. Trotzdem habe ich meine Familie und Freunde vermisst und sehe auch die Vorteile von einem geregelten Leben in Deutschland. Ich kann mir aber gut vorstellen, irgendwann noch mal für eine Zeit lang dort zu leben, es muss ja nicht für immer sein.Jetzt wohnst du in der Stadt – soll das so bleiben?Im Moment genieße ich das Großstadtleben total, aber ich glaube in 20 Jahren brauche ich den ganzen Trubel nicht mehr. Da sehe ich mich eher mit meiner eigenen kleinen Familie auf dem Land, so richtig mit Haus und Garten. Konkrete Pläne habe ich aber nicht, wer alles zu genau plant, wird am Ende nur enttäuscht, wenn es nicht klappt.Kannst du definieren, was Heimat für dich ist?Klingt etwas kitschig, aber mein Freund ist meine Heimat. Da wo wir zusammen sind, bin ich zu Hause. Er ist einfach der, der mich am besten kennt und immer für mich da ist.
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