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Auf die Langeweile: Wie spießig bist du?




Bei Familienfeiern klopfen sich die Erwachsenen gern mal gegenseitig dafür auf die Schulter, früher die krassesten Sachen erlebt zu haben. Festnahme bei einer Demonstration gegen Atomstrom? Check! Zwei Freundinnen gleichzeitig in einer chaotischen Studenten-WG? Easy. Ein Klassiker ist auch der nächtliche Einbruch ins Freibad samt Nacktsalto vom Dreimeterbrett. Ihr könnt bei solchen Geschichten nur mit dem Kopf schütteln. Ein bisschen peinlich ist es schon, so mit der Vergangenheit zu prahlen – vor allem wenn gleichzeitig Spitzen fallen, die heutige Jugend sei ja so angepasst, blutleer, irgendwie … langweilig. Ihr wünscht euch für die Zukunft nun mal, einen guten Abschluss in der Tasche zu haben, eine glückliche Beziehung und einen tollen Freundeskreis, gern auch einen Job, mit dem ihr euren Lebensunterhalt bestreiten könnt. Das soll langweilig sein? Spießig? [pullquote]Vor allem ist es eines: normal![/pullquote] Wie die Sinus-Studie 2016 ergab, wollen die meisten von uns spätestens mit Mitte 30 die Partnerschaft fürs Leben gefunden haben, eine eigene Familie gründen, kurz: irgendwie angekommen sein. Um das herauszufinden, hatte ein Forscherteam 72 junge Menschen zwischen 14 und 17 Jahren in Interviews zu ihren Wunschvorstellungen befragt. Allgemein stellten die Wissenschaftler fest: Die Mehrheit will so sein wie alle, Abgrenzung und Provokation rücken in den Hintergrund. Vielleicht wirkt das aber auch nur so.

Für Rebellion gibt es keine Schablone

„Jugend ist Revolution, das war schon immer so und wird immer so bleiben“, kontert die Soziologin Betty Siegel, die auch eigene Jugendstudien entwickelt und zu Zukunftsfragen forscht. Sie erklärt: „Wenn ich total chillaxte Eltern habe, die mal einen Joint rauchen und fragen, ob ich endlich mal Sex hatte – wie grenze ich mich da ab? Genau. Ich habe keinen Sex, bin strebsam und treibe sie mit meiner Spießigkeit in den Wahnsinn.“ Rebellion kann unterschiedliche Gesichter haben. Auf jeden Fall ist nichts Schlimmes daran, sich nach vermeintlich unspektakulären Dingen, einem einfachen, aber guten Leben zu sehnen. Die Welt um einen herum ist schon schnell, flexibel und flüchtig genug – alles gute Gründe, keine Lust auf wechselnde Partnerschaften, den krassesten Job oder das 1000. Praktikum zu haben und sich stattdessen Verbundenheit und Sicherheit zu wünschen, oder? Betty Siegel bestätigt, dass das nur verständlich ist. „Es gibt keinen Halt, kaum Werte, alles ist ein großes Aber – da wird ein überschaubarer ,Kern‘' wichtig.“ Dazu kommt, dass das große Abenteuer – wie manche Erwachsene ihren (früheren) Lebensstil verkaufen – gar nicht so erstrebenswert scheint. „Die heutigen Jugendlichen sehen und ahnen, dass es die Generation Y irgendwie auch nicht gut hat. Es ist die Generation Beziehungsunfähig, eine, die fürs Tindern und eine große Beliebigkeit steht – das alles ist eher abschreckend.“

Wird alles anders

So groß der Wunsch nach einem guten Leben sein mag: Es bedeutet nicht, dass wir uns einzig und allein um uns selbst drehen und gar kein politisches Engagement zeigen. So ergab eine Umfrage von 12- bis 25-Jährigen im Rahmen der Shell-Studie 2015, dass sich 41 Prozent – und damit 11 Prozent mehr als noch 2002 – durchaus für Politik interessieren. Einen eigenen Standpunkt zu vertreten, gestaltet sich jedoch schwierig. „Egal, welcher Meinung ich bin, es gibt immer einen, der eine andere hat und die in der Regel sehr enthemmt und wütend vorträgt“, sagt Betty Siegel. „Egal, wohin ich mich wende, um Gutes zu tun, irgendwas Schlechtes wird schon dran sein.“ Wie soll man da selbstbewusst auf den Tisch hauen? Wie Haltung zeigen? Früher konnte man unter anderem durch die Klamottenwahl individuell Meinung bekennen. „Heute wird jeder Wunsch auf seine Gruppentauglichkeit überprüft und in den Markt gedrückt“, sagt Betty Siegel. „Wenn es ein Zeichen von Umweltbewusstsein sein soll, Secondhandkleidung zu kaufen, so wird diese Wendung sofort kommerzialisiert.“ In solch einer Welt Ideale zu entwickeln, sei nicht einfach, sagt sie. Was fest steht: Es gibt es nicht „die Jugend“, die wie Lemminge handelnd über einen Kamm geschoren werden kann. Am Ende gehen wir alle unseren eigenen Weg durchs Leben. Und der ist doch immer auch ein bisschen anders, ein bisschen besonders – und zumindest für uns selbst ziemlich abenteuerlich.[yaez-box]Sarah, Charlotte und Florian erzählen uns, wie sie sich ihre Zukunft vorstellen.[gallery size="full" ids="39997,39996,39995"][/yaez-box]
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