Game Master: „Sobald die Server offline sind, herrscht Stress“




Wenn Patricia aus dem Fenster sieht, blickt sie aufs Wasser. Gerade mal einen halben Meter unter ihr zieht sich die Spree durch den Berliner Osten. Ab und an fahren Boote vorbei. Manchmal traut sich auch ein Schwan an die breite Fensterfront heran, um neugierig in den großen, offenen Büroraum zu spähen. Patricia allerdings nimmt all das gar nicht wahr. Die 22-Jährige hat nur Augen für ihren Bildschirm. „Im Moment ist die Kacke am dampfen“, sagt sie. „Ich muss hier noch 50 Ticketanfragen abarbeiten.“

Patricia ist eine von 16 Game Mastern, die bei dem Publisher Aeria Games den kostenlosen Online-Shooter „WolfTeam“ betreuen. Ihre Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass die Spieler Spaß haben. Das bedeutet aber nicht, dass sich Patricia und ihr Team ständig heiße Gefechte mit der „WolfTeam“-Community liefern. „Wir bekommen andauernd Anfragen rein“, erklärt die Potsdamerin. „Das reicht von ‚Ich habe mein Ingame-Geld nicht bekommen‘ bis zu ‚Mein Account wurde gehackt‘ oder ‚Der Spieler hat mich beleidigt‘.“

Spam aus den Foren löschen, beleidigende Inhalte editieren, die Community auf Facebook und Twitter bei der Stange halten – all das gehört zu den Aufgaben eines Game Masters dazu. Mit Zocken hat das nur am Rande zu tun. „Wenn man schon in seiner Jugend oder Kindheit mit dem Spielen angefangen hat und dann die Möglichkeit bekommt, in diesen Job reinzukommen, dann sieht man das zu Anfang nicht so als Job an“, sagt Patricia, die nach einem halben Semester Informatik-Studium seit Januar bei Aeria Games arbeitet. „Aber sobald mal die Server offline sind, geht die Community ziemlich schnell auf die Barrikaden. Dann herrscht Stress.“

Ausbildung zum Multitalent

Stress hin oder her: Um einen Fuß in die Gamesbranche zu setzen, eignet sich der Job als Game Master gut. Immerhin ist eine Ausbildung oder ein Studium für diese Stelle nicht zwingend notwendig, die Weiterbildungsmöglichkeiten seien, so heißt es bei Aeria Games, dafür aber vielfältig. „Wenn du vielseitig interessiert bist, bekommst du hier in jede Abteilung Einblick“, erzählt Klaus. Der 30-Jährige hat wie Patricia als Game Master in dem internationalen Unternehmen angefangen. Inzwischen kümmert er sich als Associate Product Manager ums Team- und Produktmanagement. „Wenn du mehr über Serveradministration wissen möchtest, kannst du dich darin von den Admins ausbilden lassen. Community-Management, Q&A, Translation – egal, was dich interessiert, als Game Master wirst du hier zum Multitalent ausgebildet.“

Noch weniger als Patricia hat Klaus mit Games zu tun. „Unsere Waffen sind Zahlen und Metriken“, sagt er. Dafür glaubt er sich in seiner Zeit bei Aeria Games ein profundes Know-how angeeignet zu haben, mit dem er problemlos auch in andere Branchen wechseln könnte. „Wenn du dich wie die Game Master intensiv mit Social Media auseinandergesetzt hast, könntest du auch ins Community Management in andere Unternehmen wechseln“, stellt Klaus fest. Produktmanagement bei einem Musiklabel, PR für eine Agentur – all das seien Optionen, die ein Game Master habe.

Wohin die Reise für Patricia geht, weiß sie noch nicht. Eine weitere Spieleranfrage erscheint auf ihrem Bildschirm. Jetzt muss sie erst mal dafür sorgen, dass ein „WolfTeam“-Zocker seinen Account wiederbekommt.

Publisher : Yaez Verlag GmbH