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Inklusion an Schulen: Noch keine Selbstverständlichkeit

Philipp ist es am liebsten, wenn man ihn direkt auf seine Behinderungen anspricht. (Foto: Birk Grüling)

Die Ärzte wussten nicht wie stark Philipps Behinderungen sein würden. Heute macht er Abitur und will sich bald beim Zoll bewerben.

Philipp ist es am liebsten, wenn man ihn direkt auf seine Behinderungen anspricht. (Foto: Birk Grüling)


 

Philipp bereitet sich gerade auf das Abitur vor, Anfang nächsten Jahres stehen die Prüfungen in Geschichte, Englisch, Spanisch und Bio an. In seiner Freizeit trifft er sich mit Freunden, und vielleicht möchte er nach der Schule zum Zoll gehen oder Sportmoderator werden. Eigentlich ganz normale Pläne und ein ganz normaler Alltag am Ende einer fast ganz normalen Schulzeit. Diese heutige Normalität ist alles andere als selbstverständlich. Der 19-Jährige kam als Frühchen auf die Welt, lange wusste seine Familie nicht, wie stark seine Behinderungen sein würden. „Er wird nie schreiben können. Eine normale Schule ist nichts für Philipp, schicken Sie ihn bloß auf eine Schule für Kinder mit einer körperlichen Behinderung“, lautet der damals wohl gut gemeinte Rat der Ärzte. „Zum Glück haben meine Eltern für eine normale Schullaufbahn gekämpft“, sagt Philipp und lehnt sich auf seinem Stuhl zurück. Das mussten sie auch, denn die meisten Hamburger Schulen verweigerten kategorisch die Aufnahme von Philipp. Immerhin bedeutet ein Schüler mit Behinderung Mehraufwand, und gemeinsames Lernen hatte in Deutschland lange Zeit kein gutes Standing. Knapp 80 Prozent aller Schüler mit einem „besonderen“ Förderbedarf besuchen hierzulande eine Sonderschule. Damit war der Weg vieler Kinder lange Zeit vorprogrammiert: Förderkindergarten – Sonderschule – Werkstatt für Menschen mit Behinderung.

Mehr Zeit für die Hausaufgaben

„Zum Glück hatten wir relativ schnell eine Zusage von den Bugenhagen-Schulen. Und von der Vorschule bis heute bin ich dieser Schule treu geblieben. Ihr habe ich ja auch viel zu verdanken“, sagt der 19-Jährige und blickt etwas nachdenklich aus dem Fenster auf die roten Backsteingebäude vor dem Klassenraum. Die Hamburger Privatschule gehört zur Evangelischen Stiftung Alsterdorf und ist in der Hansestadt so etwas wie die Vorreiterin in Sachen Inklusion – also dem Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung. „Ich war von Anfang an in einer normalen Klasse, aber es gab einen Integrationsstatus für mich“, erklärt Philipp. Dieser Sonderstatus hatte mit seiner schlechteren Feinmotorik zu tun und nicht mit fehlender Intelligenz. Für Hausaufgaben und während Klassenarbeiten bekam er einfach länger Zeit als seine Mitschüler, außerdem half ihm ein Zivildienstleistender bei den Wegen zum Sportunterricht oder zur Physiotherapie. Für längere Schulausflüge wurde ein Rollstuhl mitgenommen. Heute braucht Philipp meistens keinen Sonderbonus mehr: „Ich versuche, alles so normal wie möglich zu machen. Ich kann mit einem ärztlichen Attest zwar eine Schreibverlängerung für das Abitur bekommen, aber am Sportunterricht nehme ich immer teil“, erzählt er weiter und fügt lachend hinzu: „Meine Mitschüler haben beim Fußball mehr Angst, mich umzulaufen als ich.“

Fragen ist besser als Starren

Überhaupt gehört Philips Gehhilfe für seine Mitschüler längst zum Alltag. Nur auf der Straße wird er manchmal schief angeschaut. „Ich bin doch kein Alien. Statt mich so anzustarren, wären mir Fragen nach meiner Behinderung lieber. Ich bin da ganz offen.“ Doch es gab auch Phasen, in denen der Hamburger nicht so entspannt mit seiner körperlichen Beeinträchtigung umgehen konnte. „In der neunten und zehnten Klasse ist mir die Schule sehr schwergefallen. Damals habe ich endgültig erkannt, dass ich später nicht alles machen kann, was ich vielleicht will“, gibt Philipp zu. In dieser Zeit stellte er sich häufig die Frage: „Warum noch das Abitur machen?“ Auch in der Freizeit blieb er lieber zu Hause und spielte Playstation oder sah stundenlang fern. „Meine Eltern haben mich zum Glück immer unterstützt und mir neuen Mut gemacht

Die Bewerbung für den Zoll ist schon fertig

Von dieser Mutlosigkeit ist heute wenig zu spüren. Längst geht Philipp wieder abends mit  seinen Freunden weg. „Ich gehe selbstbewusst mit den Blicken um. Wenn ich die Gelegenheit habe, spreche ich neue Leute in unserer Gruppe gleich an, und dann stellt sich ja raus, dass ich kein ,Mutant‘ bin“, sagt Philipp. Auch an einem Spanien-Austausch hat er teilgenommen, ausgerechnet bei einer Familie mit Wohnung im fünften Stock, ohne Fahrstuhl versteht sich. „Das habe ich ganz gut hinbekommen, diese Zeit war ein gutes Training für die Arme.“ Auch über seine berufliche Zukunft hat er sich inzwischen Gedanken gemacht. Der Zoll stellt für die höhere Laufbahn auch Bewerber mit körperlicher Behinderung ein, seine Bewerbung liegt schon fertig zu Hause. Nur richtige Fotos müssen noch gemacht werden. Vorstellen könnte er sich auch einen Job als Sportmoderator beim Radio oder Fernsehen. „Mein großes Vorbild ist Tom Bartels. Vielleicht bewerbe ich mich noch um ein Praktikum“, überlegt Philipp. Vor ihm und seinen Träumen vom Sportjournalismus liegen noch drei Stunden Mathe. Eine Vorstellung, die Philipp genauso wenig begeistert wie viele seiner Mitschüler.

Mehr Infos zu den Bugenhagen-Schulen gibt’s hier.

 
 
Kategorie: Mitreden
 

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