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Gelernt und wieder vergessen

Was bleibt hängen vom Lernstoff? Foto: Jan Kopetzky

Viel gelernt, viel vergessen – warum wir uns oft nicht merken können, was wir gelernt haben.

Was bleibt hängen vom Lernstoff? Foto: Jan Kopetzky


 

Ich versuche gerade zu überlegen, wie viel ich in meinem Leben schon gelernt habe. Wie viele Stunden saß ich schon Zuhause am Schreibtisch und habe versucht, mir Matheformeln, Geschichtsdaten und die Hauptstädte von fremden Ländern zu merken? Und die Zeit in der Schule müsste ich auch dazu zählen, da geht man schließlich zum Lernen hin. Und dann lernt man ja auch noch nebenbei, zum Beispiel wenn meine Umweltschützer-Freundin Julia mir wieder alle Details zum Klimawandel erzählt.

Eigentlich lerne ich ständig. Aber: Behalte ich auch alles? Nein, natürlich nicht. Kaum gelernt, schon vergessen. In Erdkunde gibt es jedes Schuljahr aufs Neue einen Test zur Deutschlandkarte: Bundesländer, Hauptstädte, Flüsse, Gebirge. Ich habe das wirklich jedes Schuljahr wieder neu gelernt. Warum konnte ich mir das einfach nicht einmal – und für immer – merken?

Ein Gedächtnis wie ein Sieb

»Ich habe oft das Gefühl, dass mein Gehirn ein Sieb ist«, sagt Hendrik (17), Gymnasiast aus Frankfurt. Und er ist da nicht alleine. »Das Gefühl, dass das Gedächtnis nicht so gut funktioniert, liegt oft daran, dass es unterschiedliche Formen der Erinnerung gibt«, sagt der Diplom-Psychologe Daniel Oberfeld-Twistel. Wir versuchen oft, uns an Wissen durch den »free recall« zu erinnern, also einfach aus dem Stehgreif Wissen hervorzuzaubern.

Unser Gedächtnis funktioniert aber viel besser im Modus »Wiedergabe mit Hilfe«, also mit Abrufhinweisen wie Stichwörtern, Fragen oderEselsbrücken. Außerdem haben wir oft zu hohe Ansprüche an unser Gedächtnis, wie der Psychologie- Professor Stefan Berti bestätigt. »Wir erwarten von unserem Gedächtnis oft, dass es relativ unbedeutende und unverbundene Einzelfakten so genau wie möglich für immer aufbewahren kann – und das am Besten, nachdem man die Fakten nur einmal gehört oder gesehen hat.« So arbeitet das Gedächtnis nicht, denn es wäre dann im Alltag ziemlich schnell überfordert. »Es ist ein Glück, dass wir vergessen können«, sagt Berti.

Wir können also nichts dafür, dass wir uns nicht merken können, wie französische Verben konjugiert werden – unser Gedächtnis hat es einfach vergessen. Wäre eine praktische Ausrede, aber so einfach ist es nicht. Wir können mit unserem Gedächtnis zusammenarbeiten: Es ist zwar kein Ikea-Regal, in dem einfach alles abgelegt werden kann, aber viel Stauraum hat es trotzdem.

Neue Informationen werden nicht einfach in Schubladen geschoben, sondern mit bereits vorhandenem Wissen verknüpft. Informationen, zu denen es schon viele Verbindungen im Gedächtnis gibt, könne man sich viel leichter merken als ganz neue Sachen, sagt Stefan Berti. Das Netzwerk im Kopf entscheide auch darüber, welches scheinbar unnütze Wissen wir uns leicht merken können: Ich kann mir ohne Probleme viele Zahlen merken, wenn es um ein Thema geht, das mich sehr interessiert. Bei der Leichtathletik-WM in Berlin ist Usain Bolt Weltrekord auf 100 Meter gelaufen. Ich kann mir seine Siegeszeit merken (9,58 Sekunden), die seiner Konkurrenten und die seiner Vorgänger. Die Zahlen sind in meinem Gedächtnis. Viele andere leider nicht.

Kreativ und intelligent lernen

Was tun, damit der Schulstoff auch im Kopf ankommt? Damit etwas das Langzeitgedächtnis erreicht, also länger als nur einen kurzen Moment gespeichert wird, kommt es auf die Verarbeitungstiefe an, erklärt Oberfeld-Twistel. Stumpf gelernte Vokabeln, die wir am nächsten Tag in der Schule beim Test hinunterbeten können, sind nicht tief verarbeitet. Auch nicht die Matheformel, die wir auswendig gelernt, aber nicht verstanden haben. Die Lösung: Man muss sich mit einer Sache beschäftigen, sich Beispiele für das Gelernte suchen, kreativ und intelligent lernen, die Informationen veranschaulichen. Nur so hat der Schulstoff eine Chance auf langes Überleben.

Es geht also um den Einsatz von Zeit und Energie, denn auch hier gilt: von nichts kommt nichts. Was uns interessiert, zum Beispiel die Leichtathletik- WM, verarbeiten wir automatisch tief. Für den Schulstoff müssen wir uns das vornehmen. Jenny (16), Realschülerin aus Köln, beschreibt, was bestimmt viele Schüler kennen: »Ich habe manchmal das Gefühl, in der Schule erschlägt mich der Stoff.« Kopf auf, Wissen rein, Kopf zu. »Nimmt man als Kriterium für einen guten Unterricht nicht die Menge des durchgenommenen Stoffes, sondern den Umfang dessen, was Schüler unmittelbar und leicht behalten und verstehen, dann muss man den Unterricht und vor allem den Lernstoff eigentlich völlig anders organisieren«, sagt Psychologe Stefan Berti.


Wissenschaftlich anerkannt ist heutzutage, dass »Reinstopfen« in die Schülerköpfe nichts bringt. Viele Lehrer beklagen sich deshalb auch, dass die Lehrpläne einfach zu voll sind, meint Professor Karin Bräu, Erziehungswissenschaftlerin aus Mainz. Die Gefahr sei dann, dass alles nur oberflächlich gelernt, aber nichts richtig verstanden würde.

Michael Emrich, Ministerialrat im Bildungsministerium Rheinland- Pflanz, ist mitverantwortlich für die Lehrpläne. Er sagt, dass Lehrpläne oft so gestaltet sind, dass sie nur einen Rahmen vorgeben und die Lehrer in der Ausgestaltung ihres Unterrichts frei seien. »In allen Fächern sind die Lehrpläne im Übrigen so gestaltet, dass nur etwa zwei Drittel der Unterrichtszeit mit verpflichtenden Inhalten gefüllt sind, so dass genügend Freiräume zur Verfügung stehen.« Gutes und vor allem langfristiges Lernen in der Schule hängt also von allen ab: Schüler müssen motiviert sein, sich wirklich mit dem Stoff zu beschäftigen. Lehrer müssen den Unterricht so gestalten, dass sinnvolles Lernen möglich ist. Und der Lehrplan muss neben der notwendigen Bildung auch Platz für Eigeninteresse und genug Lernzeit bieten.

Speichern im Schlaf

Gelingt dieser Mix, kann auch gutes Lernen gelingen. Aber bleibt dann alles für immer in unserem Kopf? Die »Vergessenskurve« wurde 1885 von dem bekannten deutschen Psychologen Hermann Ebbinghaus beschrieben. »Die Kurve besagt grob, dass in den ersten fünf Minuten nach dem Lernen am meisten vergessen wird«, sagt Psychologe Daniel Oberfeld-Twistel. Auch in den ersten zwei Wochen sei der Wissensverlust noch relativ groß. Informationen, die diesen Zeitraum überlebt haben, könnten dann im Idealfall ein ganzes Jahr erinnert werden. »Und alles, was die Ein-Jahres- Grenze überschreitet, hat eine große Chance, auch für die nächsten 30 Jahre behalten zu werden.«

Lernen und Behalten können also ganz schön anstrengend und viel Arbeit sein. Eine gute Nachricht gibt es für alle Lern-Geplagten aber: »Lernen im Schlaf« geht zwar leider immer noch nicht – dafür aber »Speichern im Schlaf«. Aktuelle Forschungsarbeiten haben nämlich gezeigt, dass viel Schlaf eine wichtige Voraussetzung dafür ist, dass sich das neue Wissen im Gedächtnis verankern kann. Also nach der Schule auf alle Fälle erstmal lange schlafen

 
 
Kategorie: Lernen
 

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