de-DE Ausland

Xenia im Kloster: Auf den Spuren Buddhas

Aufstehen mitten in der Nacht und im Gehen meditieren: Xenia ist gerade im Kloster. (Foto: Ulrike Ebert)

Xenia reist ein halbes Jahr durch Südostasien. Dieses Mal erzählt sie von ihrem Aufenthalt in einem Kloster in Thailand.

Aufstehen mitten in der Nacht und im Gehen meditieren: Xenia ist gerade im Kloster. (Foto: Ulrike Ebert)


 

Mein Wecker klingelt. Es ist halb vier morgens, draussen noch tiefschwarze Nacht. Unwillig, meine Tiefschlafphase so einfach zu verlassen, drehe ich mich wieder auf die Seite. In diesem Moment ertönt draußen der Gong, mehrfach, und meine Zimmernachbarin fängt an herumzuwuseln. Dann schaltet sie das Licht an und mit der gefühlten Helligkeit von tausend Sonnen, die sich in meine übermüdeten Augen brennen, erreicht mich die Erkenntnis: Jetzt bist du also im Kloster.

Was zur Hölle mache ich hier?

Ich schlüpfe in meine weissen Meditationsklamotten, die wie ein übergroßer Pyjama aussehen, und nach draußen, wo sich Massen von Thais und meine Mitfreiwilligen zum ersten Highlight des Tages einreihen: Meditation im Gehen. Das Ziel ist, sich dessen bewusst zu werden, welche destruktiven Gedankenmuster man pflegt. In meinem Fall: Was zur Hölle mache ich hier? Dem Herumgehen auf dem Klostergelände folgen die morgendlichen Gesänge, die Chantings, deren Inhalt die großen Taten Buddhas sind. Ich verstehe von den teils

in Thai und teils in der alten indischen Sprache Pali gesungenen Strophen ungefähr soviel wie von Chewbaccas Lautäußerungen in Star Wars. Als danach die Meditation anfängt, wird mir schwarz vor Augen. Ich taumele hoch in mein Zimmer und schlafe, diesmal bis zum Frühstück. Danach bin ich zumindest erholt genug, um meinen Frust an Christian, dem Leiter des Freiwilligenprojektes, auszulassen. Ich bin genervt von der ständigen Verbeugerei vor den Buddha-Statuen, der in meinen Augen sinnlosen Aufsteherei mitten in der Nacht, den über 300 Verhaltensregeln für Mönche, von denen so einige recht obskur sind (ein Mönch darf beispielsweise nicht von einer Banane abbeißen, um die sexuelle Energie von sich fernzuhalten) und vielem mehr. Als Antwort auf meinen Ausbruch erhalte ich die Gegenfrage, warum ich soviel Wut in mir habe. Na, weil ich müde bin. So wirklich bereit darüber nachzudenken, bin ich nicht und überlege stattdessen, tatsächlich gleich an meinem ersten Tag wieder abzuhauen.

Nobody’s perfect

Letzten Endes bleibe ich zwei Wochen. Ich lerne die Annehmlichkeiten des Klosterlebens kennen, zum Beispiel die kostenlose Thai-Massage von den Schülern der Massageschule, das geniale Essen und den Respekt der Thais vor allen am Buddhismus interessierten Fa-rangs (Ausländern). Einmal werden wir zu einer Feier in einem Kloster im Wald eingeladen, bei der die Nacht durchmeditiert und gechantet wird.

Obwohl ich die Feier direkt vor den Augen des Lehrers, der die Reden hält, verschlafe, lächelt dieser nur milde über mich. Das Konzept der Schuld und Strafe, das im Christentum allgegenwärtig ist, gibt es im Buddhismus nicht. Auch die Mönche sind keine Heiligen, sondern haben ihre Fehler. Viele rauchen und zwei von ihnen erwische ich eines morgens im Pizza Hut. Aber es gibt im Buddhismus keine Wertungen, jeder Mensch, mehr noch, jedes Lebewesen ist unabhängig von dessen Handlungen gleich viel wert. „Genau so, wie eine Mutter ihr einziges Kind liebt und unter Einsatz ihres Lebens schützt, sollten auch wir grenzenlose, allumfassende Liebe für alle Lebewesen entwickeln“, so die Lehre des Buddha. Obwohl mir die grenzenlose Liebe noch sehr schwer fällt, insbesondere bei den fast handtellergrossen Kakerlaken im Bad, finde ich die Idee unglaublich schön.

Die Mühe zahlt sich aus

Mit meinen Mitfreiwilligen zusammen versuche ich, zumindest einiges von dem, was die Gemeinde uns an Zuwendung entgegenbringt, zurückzugeben. Wir besetzen ein Lehmhaus, das später zu einem

Meditationsdom werden soll, mit Mosaik und lehren freitags Englisch an der buddhistischen Universität. Ich habe zudem das Gefühl, dass ich irgendwie auch spirituell vorankommen sollte. Eines morgens kann ich tatsächlich Erfolge verzeichnen. Während der Meditation gerate ich in eine Art Trancezustand und spüre, wie sich meine Seele vom Körper entfernt. Ich registriere den aufkeimenden Hunger und die Müdigkeit, beobachte sie kurz und schiebe sie dann wie etwas, was nicht mir gehört, von mir. Als die Stunde vorbei ist, wache ich mit einem Lächeln auf dem Lippen auf. Erstaunlich, wie wenig man zum Glücklichsein braucht.

Auf zu neuen Ufern

Als ich mich kurzfristig entschließe, das Kloster zu verlassen, tue ich dies nicht aus dem Affekt, wie ich es fast am ersten Tag getan hätte. Ich gehe, weil ich mich noch immer nicht mit dem institutionellen Charakter des Klosters anfreunden kann. Die Gesänge verstehe ich noch immer nicht und auch wenn mir das mechanische Verbeugen mittlerweile leicht von der Hand geht, sehe ich den Sinn darin nicht. Buddha war ja schliesslich kein Gott und vor allem der letzte Mensch auf der Welt, der sich etwas aus Ehrerbietung gemacht hätte. Dennoch habe ich das Gefühl, in den zwei Wochen wichtige Dinge mit auf den Weg bekommen zu haben, deren Ausmaß es erst noch zu erfassen gilt. Ich laufe abends mit meinem Rucksack zum Bahnhof und kaufe mir ein Ticket dritter Klasse im Nachtzug nach Bangkok, mit Anschlusszug nach Kambodscha. Diese Nacht werde ich auf Plastiksitzen verbringen – aber wie man mit negativen Empfindungen umgeht, weiss ich ja mittlerweile.

 
 
Kategorie: Ausland
 

Kommentar schreiben

Sicherheitscode:
This is a captcha-picture. It is used to prevent mass-access by robots. (see: www.captcha.net)



Name/Nick:


E-Mail-Adresse: (wird nicht veröffentlicht)

Beim YAEZ.de-Newsletter anmelden

Kommentar:


Weiterlesen:

ANZEIGE

Film ab!

Zeig‘ dein Engagement und gewinne 5000 Euro für dein Projekt!

ANZEIGE

Qu'est-ce qui s'est passé?

Mach' mit beim Bundeswettbewerb Fremdsprachen

ANZEIGE

Playstation Junior Champions Cup

Vom Bolzplatz zur Champions League

Hast Du
eine Frage?

Stell hier deine Frage an
Alle Farben

zur Fragestunde


YAEZ.de Newsletter

Name: 




Themen