Hinterm Horizont geht’s weiter

Jedes Jahr verbringen Tausende Schüler mehrere Monate im Ausland. Lohnt sich das?

Ein Auslandsaufenthalt erweitert den Horizont und bringt viele tolle Erfahrungen mit sich. (Illustration Jakob Hinrichs)

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Es ist ein Abenteuer auf Zeit: Die Jugendlichen leben in Gastfamilien, besuchen die einheimischen Schulen und meistern den Alltag in ihrer Wahlheimat auf Zeit in einer Fremdsprache. Das beliebteste Ziel sind dabei die USA: Rund 13.000 deutsche Schüler besuchen jährlich eine amerikanische Highschool.

Davina Krumbholz ist eine von ihnen. Mit 16 Jahren flog sie über den großen Teich, um in Fort Collins in der Nähe von Denver zwölf Monate zu verbringen. »Meine Wahl fiel auf die USA, weil man hierzulande so viel über die amerikanische Kultur hört, aber niemand weiß, was davon stimmt. Außerdem hat Amerika sehr viel Einfluss auf das Weltgeschehen – da kann es nicht schaden, zu wissen, wie die Amerikaner ticken!«

Die 19-Jährige ist der Überzeugung, dass ihr USA Aufenthalt sie auch persönlich weitergebracht hat. »Es ist unglaublich, wie sich der eigene Horizont öffnet, wie man merkt, wie klein die Welt eigentlich ist, in der man bis dahin lebte, und wie sich die Sichtweise auf die verschiedensten Dinge schlagartig ändert. In beruflicher Hinsicht steht natürlich das Sprachtraining im Vordergrund – ich kann Englisch jetzt fast als meine zweite Muttersprache bezeichnen.

Für mich war dieses Jahr Gold wert!« Die Abiturientin empfiehlt allen anderen Schülern, die einen Auslandsaufenthalt planen, dieses Abenteuer mit keinen falschen Erwartungen anzugehen, sondern alles auf sich zukommen zu lassen. »Man muss anpassungsfähig sein und den Willen haben, die Sache unbedingt durchzuziehen!«

Planung lohnt sich

Davina hatte Glück mit ihrer Gastfamilie, doch das geht längst nicht allen so: Horrorgeschichten von drogensüchtigen Gasteltern oder sexuellen Belästigungen durch den Familienvater machen die Runde. Daher ist es wichtig, sich im Vorfeld ausreichend Zeit für die Auswahl der Austauschorganisation zu nehmen.

Das ist allerdings leichter gesagt als getan – ein Patentrezept hierfür existiert nicht, am besten hört man sich daher unter Schülern um, die bereits ein Auslandsjahr erfolgreich hinter sich gebracht haben und Empfehlungen aussprechen können.

Wer lieber auf eigene Faust sucht, sollte unbedingt im Hinterkopf behalten, dass der Preis nicht das ausschlaggebende Kriterium sein darf. Nach Angaben von Stiftung Warentest, die vor vier Jahren die Angebote der größten Organisationen prüfte, kostet ein Jahr in den USA zwischen 3800 und 7500 Euro.

Allerdings ist in den günstigeren Angeboten meist nicht der Flugpreis inklusive, zudem sind bei den teureren Organisationen meist diverse wichtige Versicherungen im Gesamtpaket enthalten. Alle deutschen Anbieter arbeiten mit Partnerorganisationen vor Ort zusammen. Sie wählen die Gastfamilien aus, betreuen die Schüler und sind daher auch die ersten Ansprechpartner, wenn es Probleme geben sollte.


Tradition als Qualitätmerkmal


Das kommt tatsächlich häufiger vor, als man denkt – laut Stiftung Warentest wechseln durchschnittlich knapp 30 Prozent der Jugendlichen ihre Gastfamilie, davon sechs Prozent sogar mehrmals. Ob dabei immer unhaltbare Lebensbedingungen ausschlaggebend sind oder manchmal schlicht und einfach die Chemie nicht stimmt, sei dahingestellt. Ein weiterer Anhaltspunkt bei der Suche nach einer guten Austauschorganisation ist deren Verweildauer am Markt – schließlich kann kein Unternehmen bei fortwährender Kritik bestehen.

Auch ob eine Organisation gemeinnützig ist, kann ein Qualitätskriterium sein, denn dann steht meist die Völkerverständigung und nicht der Profit im Vordergrund. Spitzenreiter in Bezug auf die Langlebigkeit ist die 1932 gegründete Organisation Experiment, die neben Zielen in den USA auch Aufenthalte in Brasilien, Japan und Neuseeland sowie Irland, Frankreich und Italien anbietet. Einen hohen Bekanntheitsgrad besitzt AFS – Interkulturelle Begegnungen: Seit 1948 werden Schüleraustauschprogramme durchgeführt.

Heute bietet die Organisation die größte Ländervielfalt – darunter Panama, Thailand und Chile – sowie diverse Stipendien. Partnership International ist Anlaufstelle für alle, die sich für Südafrika, aber auch Japan und die USA interessieren. Hier sind übrigens auch Kurzaufenthalte von drei Wochen während der Oster- oder Herbstferien möglich.

Seit 1974 vermittelt ICXchange Deutschland Schüler ins Ausland, darunter etwa Kanada, Südafrika oder Australien. International Experience besteht zwar erst seit dem Jahr 2000, dafür findet man auf der Website genaue Informationen zum Auswahlprozedere der Gastfamilien, aber auch der Schüler, die nach Neuseeland oder China wollen: Wer zum Beispiel mit einer hohen Zahl von Fehlstunden im Zeugnis antritt, hat schlechte Karten, denn dieses Verhalten kann – so der Veranstalter – weit weg von der gewohnten Umgebung noch verstärkt werden. Neben dieser Auswahl gibt es natürlich zahlreiche weitere gemeinnützige Organisationen, die beispielsweise Nischen wie Argentinien besetzen (zum Beispiel: Open Door).


Es ist nicht alles Gold was glänzt


Selbstverständlich können auch kommerzielle Veranstalter ein verlässlicher Partner sein, gute Bewertungen in Internetforen haben zum Beispiel GLS Sprachenzentrum und EF erhalten. Mit letzterem Veranstalter hat sich Johanna Sachse aus Marburg im Jahr 2008 in das Abenteuer Dublin gewagt: Neun Monate lebte sie dort und verbesserte ihre Sprachkenntnisse so sehr, dass sie nun Anglistik studiert. »Irland hat mich selbstständiger und welt-offener gemacht. Ich möchte die Welt bereisen und mich irgendwo weit weg niederlassen«, resümiert die 20-Jährige.

Nikolas Jacobs hat sich für einen anderen Weg entschieden. »Mich hat das Internatsleben im Stil von ›Harry Potter‹ gereizt«, berichtet der 19-Jährige. Eine Agentur unterbreitete ihm mehrere Angebot. Er setzte auf das »Mount St Mary’s College« in Nordengland, sagt aber heute: »Man sollte nicht auf die Werbebroschüren setzen – vieles, was darin stand, erwies sich später als falsche Behauptung.«

So handelte es sich, anders als erwartet, um kein Vollinternat, was bedeutete, dass ein Großteil der Schüler das Internat nachmittags verließ und den Rest des Tages zu Hause verbrachte. Somit war es fast unmöglich, außerhalb des Unterrichts Kontakte zu knüpfen. Noch dazu war der ganze Tag strikt durchstrukturiert, sodass es kaum Gelegenheit zum selbständigen Handeln gab. Darüber hinaus war auch die Zeit für Telefongespräche und die Internetnutzung stark reglementiert.


Reisen erweitertert den Horizont


Kein Wunder, dass der damals 17-Jährige zu Beginn seines halbjährigen Aufenthaltes ab und an unter Heimweh litt. »Ich habe den oft zitierten Kulturschock erlitten und brauchte lange, um mich einzuleben. Es war alles anders: Der Unterricht bestand aus nur vier Fächern, die umso intensiver unterrichtet wurden. Dennoch fand ich das Niveau erschreckend niedrig im Vergleich zu meiner deutschen Schule.« Doch mit der Zeit fiel die Eingewöhnung leichter, und Nikolas möchte seine Zeit in England nicht missen: »Es hat mir viel gebracht.

Ich bin lockerer geworden und weiß nun sehr zu schätzen, was wir in Deutschland für ein tolles und vor allem kostenloses Bildungssystem haben. Aber ich habe auch gelernt, Dinge, die hier als verbindlich gelten, zu hinterfragen. « Der Wiesbadener ist überzeugt, auch auf lange Sicht von seinem Aufenthalt zu profitieren, betont aber: »Ein Auslandsaufenthalt macht sich im Lebenslauf immer gut, doch sollte man nicht mit der Zielsetzung daran gehen, dadurch besser Karriere machen zu können. Das kann zwar sein, muss es aber nicht und sollte auch nicht die eigentliche Motivation sein.« Wichtiger seien vielfältige Erfahrungen und neue Freunde, »mit den meisten habe ich noch heute engen Kontakt!«

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