Partei trifft Protest
Lohnt sich Partei-Engagement? Oder ist es effektiver, sich online einzumischen? Zwei Meinungen.
Engagement hat in Zeiten des Web 2.0 viele Gesichter. (Illustration: Katia Fouquet)
Warum es sich lohnt, sich in Parteien zu engagieren
Engagieren kann man sich so ziemlich überall: in der Schule, in Umweltverbänden, Religionsgemeinschaften oder Sportvereinen. Warum also ausgerechnet zu einer politischen Jugendorganisation gehen? Ganz einfach: Nirgends sonst gibt es die ganze Fülle an Themen. Außerdem kann man so ganz direkt Einfluss auf die Politik nehmen, auch ohne Mitglied einer Partei zu sein. Wer die Situation an der Schule verbessern will, geht in die Schülervertretung. An Hochschulen gibt es Fachschaften oder seit einigen Monaten den Bildungsstreik. Egal ob Naturschutz, Frieden oder mehr Demokratie – inzwischen existiert für fast jedes Anliegen ein Bündnis oder Verein. Viele engagieren sich ganz bewusst für ein sehr spezielles Thema. Aber wohin geht man, wenn man das Bildungssystem insgesamt falsch findet?
Jede halbwegs große Partei hat einen eigenen Jugendverband. Dort sind nicht nur die Haare weniger grau als in den Parteien, die meisten Jugendverbände bieten vor allem ziemlich einfache und unverbindliche Möglichkeiten zum Mitmachen. Man muss nicht erst eintreten – wer mitmachen will, macht einfach mit. Jugendverbände sind nicht so angepasst, decken dafür aber die komplette Themenpalette ab: Klimaschutz, Bildung und Netzpolitik in einem.
Die konkrete Politik wird in Deutschland nicht von Vereinen und Bündnissen gemacht, sondern von Parteien. Man muss das nicht gut finden, und inzwischen mischen zum Glück auch viele verschiedene Organisationen und Verbände mit. Trotzdem macht es auch Spaß, die Politik in den Parteien direkt zu beeinflussen. Auch hier helfen die Jugendverbände, denn oft muss man nicht Parteimitglied sein, kann aber trotzdem mitentscheiden. Ganz besonders gilt das natürlich für die kleineren Parteien, in denen die Strukturen nicht so festgefahren sind, die noch keine so lange Geschichte haben und in denen junge Menschen oft willkommen sind. Letztlich muss jeder selbst wissen, ob er sich lieber auf ein Thema bezogen oder allgemein politisch engagieren möchte. Oder einfach ausprobieren: Ich war auch erst bei verschiedenen Vereinen und beim SPD-Nachwuchs – gelandet bin ich schließlich beim Jugendverband der Grünen.

Max Löffler, 21 Bundesvorstandssprecher der GRÜNEN JUGEND www.gruene-jugend.de, Twitter: @mloeffler
Wie das Internet eine neue Protestkultur ermöglicht
Na, ja. Früher war doch alles besser! Da ging man zum Demonstrieren noch auf die Straße. Manchmal zog man sich dabei auch noch nackig aus, um Aufmerksamkeit zu erregen, bevor man sich irgendwo zwecks einer Blockade anketten ließ. Heutzutage lassen wir uns lieber vom PC fesseln und bleiben daheim. Angezogen. Die meisten jedenfalls. Aber sind wir deswegen von vornherein teilnahmslos und unpolitisch? Keineswegs! Noch nie waren die Voraussetzungen besser, sich in kürzester Zeit mit den verschiedensten Menschen ortsunabhängig über alle denkbaren Themen auszutauschen.
Während die Bundesparteien einen Rückgang ihrer Mitgliederzahlen beklagen, sind politische Online-Bewegungen auf dem Vormarsch: Sei es die Organisation »Campact«, die im Netz Protestaktionen plant, um bei aktuellen Debatten mitzumischen oder »Avaaz«, die mit Unterschriftenlisten im Millionenbereich als globale Stimme für eine gerechtere Welt eintreten möchte. Das Internet hat die Entfernung zu den Konfliktregionen dieser Welt verringert und damit die Möglichkeiten zur individuellen Einflussnahme deutlich erhöht. Der Iran hat gezeigt, welch hohe Bedeutung einem Web-2.0-Tool zuteil werden kann. Weltweit solidarisierten sich Tausende Twitter-User mit der iranischen Oppositionsbewegung und passten ihre Orts- und Zeiteinstellung so an, als würden sie sich selbst in Teheran aufhalten. Die Idee dahinter war, die von dort aus Kommunizierenden vor spionierenden Sicherheitsbehörden zu schützen.
Neben dem globalen Einmischungspotenzial spielt jenes auf lokaler Ebene eine ebenso große Rolle: Mit Carrotmob.org lassen sich beispielsweise gezielt Flashmobs organisieren, um den Klimaschutz vor Ort nachhaltig zu verbessern. Die unterschiedlichen Beispiele weisen auf den ausgeprägten Pioniergeist hin, mit dem die neue Online-Bewegung in alle gesellschaftlichen Bereiche vordringt. Sie befindet sich erst an ihrem Anfang und ermöglicht jedem von uns, flexibel, demokratisch und losgelöst von engen Parteienkorsetts politisches Engagement an den Tag zu legen. Es besteht die großartige Chance, sich ihr anzuschließen und ein Teil der »Generation Protest 2.0« zu werden.

Markus Henrik, 27 Webaktivist und Buchautor (»Copy Man«, Eichborn) www.markushenrik.de, Twitter: @markushenrik











90 Schüler aus ganz Deutschland treffen sich zur Sommeruni am Bodensee – und lernen nebenbei den Uni-Alltag kennen. http://bit.ly/cq905f
Kommentar schreiben