Schweinereien auf YouTube
Musiker nutzen die Schweinegrippe als virale Strategie für Internet-Hits.
Hitgarant Schweinegrippe (Illustration: Christoph Rauscher)
Ryan Erwin hockt in seinem Studentenzimmer, schlägt auf die Stahlsaiten einer Gitarre und singt in seine Webcam. »In den heutigen Zeiten müssen wir ganz besondere Sicherheitsvorkehrungen treffen«, grölt der 19 Jahre alte Amerikaner mit ansteckender Begeisterung auf Englisch. Dabei trägt er einen weißen Mundschutz, wie man ihn manchmal in Krankenhausserien sieht. Es ist April 2009, und seit einiger Zeit wird in den USA immer aufgeregter über die Schweinegrippe berichtet, über die sich Ryan Erwin mit seinem Musikvideo lustig macht.
An dem Tag, an dem er seinen »Swine Flu Song« auf YouTube veröffentlicht, wird der erste amerikanische Schweinegrippe-Todesfall gemeldet. Im Süden Kaliforniens, wo auch Erwin herkommt und poppige Punkbands wie Green Day, NoFX und Blink 182, deren Sound er nachmacht, ist ein zweijähriges Kind nach einem Familienurlaub in Mexiko an der Neuen Grippe gestorben. »Ich weiß, dass die Schweinegrippe ein ernstes Thema ist«, sagt Ryan Erwin später. »Aber als ich den Song geschrieben habe, dachte ich darüber einfach nicht nach.«
Der 19-Jährige war nicht allein mit seinem Musikvideo. Im vergangenen Sommer erkrankten immer mehr Menschen in den USA und in anderen Ländern an dem Virus und durften ihre Häuser nicht mehr verlassen. Und immer mehr Gesunde griffen zu Gitarre und Webcam und stellten Dutzende Schweinegrippe-Songs ins Netz. Auf YouTube häuften sich eigene Kompositionen und Parodien der Songs von James Blunt, den Jonas Brothers und der 80er-Jahre-Rockband REO Speedwagon. Der Ton ist dabei durchweg respektlos: Eine Handpuppe namens Putnam Pig rappt über einen Beat des Sängers Billy Joel: »Schweine sind gar nicht schuld an der Schweinegrippe!«
Ein paar Klicks weiter hat sich ein dicker Südstaatler eine Gitarre um den Bierbauch geschnallt und singt über das Virus: »Du hast es von einem Freund, der es von einem Freund hat, dessen Mutter rumgevögelt hat.« Sogar der britische Rapper Mike Skinner, bekannt als The Streets, veröffentlicht ein Video, in dem Szenen alter, trashiger Zombiefilme gezeigt werden, während Skinner übertrieben bedrohlich rappt: »Er ist hinter dir her, und er hat die Schweinegrippe!« Den geschmacklosen Humor, der alle diese Videos auszeichnet, kann man als eine Art der Selbstverteidigung deuten, gegen die Ängste, die im Fernsehen und in den Zeitungen angesichts der Grippe geschürt werden. Manchmal, wenn man Angst hat, ist schließlich nichts so erleichternd wie laut zu lachen.
Aber gleichzeitig ist grenzwertiger Humor im Internet eine erfolgreiche Werbestrategie – oft werden Videos bekannt, die man bloggt, twittert oder mailt, stets mit dem Hinweis: Guckt mal, wie bescheuert. Oder: Guckt mal, wie saukomisch. Werbefachleute vergleichen diese Art der Verbreitung von Videoclips ironischerweise mit Viren: Sie werden ansteckend verbreitet und erreichen von dem einen zum anderen immer mehr Menschen. Solche »virale Strategien« sind ein beliebtes Mittel, um im Internet viele Leute zu erreichen und – zumindest kurzzeitig – berühmt zu werden. Musiker wie OK Go, Arctic Monkeys und Lily Allen wurden so ganz ohne große Plattenfirmen und Werbekampagnen bekannt.
Und diese »virale Strategie« ist es auch, die die Schweinegrippe-Sänger von anderen Musikern unterscheidet, die über aktuelle Themen singen. Denn dass in Amerika Leute zur Gitarre greifen und Lieder über soziale und politische Themen singen, die viele Menschen betreffen, hat eine lange Geschichte. In den Dreißigerjahren zog zum Beispiel Woody Guthrie als arbeitsloser Landstreicher durch die Staaten und schrieb Lieder über das Elend, das er unterwegs erlebte. Später wurde er mit diesen Songs bekannt. In den Sechzigerjahren sangen Joan Baez und Bob Dylan über und gegen den Vietnamkrieg. Und bis heute singen Punkbands und Liedermacher über Krieg, Armut und Elend – Themen, die man sonst nur aus den Medien kennt.
Während es diesen Musikern aber darum geht, Menschen zum Nachdenken zu bringen, hatten die Schweinegrippe- Sänger wie Ryan Erwin eine andere Idee: Sie wollten berühmt werden. »Die Songidee kam mir, weil ich dachte, dass man bestimmt leicht ins Fernsehen kommt, wenn man einen Song über die Schweinegrippe macht«, gibt Ryan Erwin zu. »Jeder hat Infos zu dem Thema bei Google gesucht, und das Fernsehen hat 24 Stunden am Tag darüber berichtet – deshalb habe ich das ausprobiert.« Fast 30.000-mal wurde der »Swine Flu Song« abgerufen. Das ist nicht besonders viel, wenn man es mit den ganz großen YouTube-Hits wie Tilman, der Skateboard fahrenden Bulldogge, oder Charly, dem bissigen Baby, vergleicht.
Aber es ist ein sehr gutes Ergebnis für jemanden, der zum ersten Mal ein Video ins Netz stellt. Vor allem wurde Ryan Erwins Lied tatsächlich schnell vom Fernsehen aufgegriffen, das kontinuierlich über das Virus berichtete und deshalb ständig neues Sendematerial brauchte. »Am am nächsten Tag lief mein Video schon im TV«, sagt Ryan Erwin. »Und später habe ich Fanpost von Leuten aus Ungarn, Frankreich und Spanien bekommen!« Von seiner persönlichen MySpace-Seite hat Erwin den Schweinegrippe-Song mittlerweile allerdings wieder gelöscht. Er ist zufrieden mit seinem ersten Internet-Hit, möchte den richtigen Durchbruch aber lieber mit etwas ernsthafterer Musik schaffen. Mit Freunden von der Uni spielt er heute in der Pop-Punk-Band Small City Calling – und singt nun über Liebe und das Leben im Süden Kaliforniens.
An dem Tag, an dem er seinen »Swine Flu Song« auf YouTube veröffentlicht, wird der erste amerikanische Schweinegrippe-Todesfall gemeldet. Im Süden Kaliforniens, wo auch Erwin herkommt und poppige Punkbands wie Green Day, NoFX und Blink 182, deren Sound er nachmacht, ist ein zweijähriges Kind nach einem Familienurlaub in Mexiko an der Neuen Grippe gestorben. »Ich weiß, dass die Schweinegrippe ein ernstes Thema ist«, sagt Ryan Erwin später. »Aber als ich den Song geschrieben habe, dachte ich darüber einfach nicht nach.«
Der 19-Jährige war nicht allein mit seinem Musikvideo. Im vergangenen Sommer erkrankten immer mehr Menschen in den USA und in anderen Ländern an dem Virus und durften ihre Häuser nicht mehr verlassen. Und immer mehr Gesunde griffen zu Gitarre und Webcam und stellten Dutzende Schweinegrippe-Songs ins Netz. Auf YouTube häuften sich eigene Kompositionen und Parodien der Songs von James Blunt, den Jonas Brothers und der 80er-Jahre-Rockband REO Speedwagon. Der Ton ist dabei durchweg respektlos: Eine Handpuppe namens Putnam Pig rappt über einen Beat des Sängers Billy Joel: »Schweine sind gar nicht schuld an der Schweinegrippe!«
Ein paar Klicks weiter hat sich ein dicker Südstaatler eine Gitarre um den Bierbauch geschnallt und singt über das Virus: »Du hast es von einem Freund, der es von einem Freund hat, dessen Mutter rumgevögelt hat.« Sogar der britische Rapper Mike Skinner, bekannt als The Streets, veröffentlicht ein Video, in dem Szenen alter, trashiger Zombiefilme gezeigt werden, während Skinner übertrieben bedrohlich rappt: »Er ist hinter dir her, und er hat die Schweinegrippe!« Den geschmacklosen Humor, der alle diese Videos auszeichnet, kann man als eine Art der Selbstverteidigung deuten, gegen die Ängste, die im Fernsehen und in den Zeitungen angesichts der Grippe geschürt werden. Manchmal, wenn man Angst hat, ist schließlich nichts so erleichternd wie laut zu lachen.
Aber gleichzeitig ist grenzwertiger Humor im Internet eine erfolgreiche Werbestrategie – oft werden Videos bekannt, die man bloggt, twittert oder mailt, stets mit dem Hinweis: Guckt mal, wie bescheuert. Oder: Guckt mal, wie saukomisch. Werbefachleute vergleichen diese Art der Verbreitung von Videoclips ironischerweise mit Viren: Sie werden ansteckend verbreitet und erreichen von dem einen zum anderen immer mehr Menschen. Solche »virale Strategien« sind ein beliebtes Mittel, um im Internet viele Leute zu erreichen und – zumindest kurzzeitig – berühmt zu werden. Musiker wie OK Go, Arctic Monkeys und Lily Allen wurden so ganz ohne große Plattenfirmen und Werbekampagnen bekannt.
Und diese »virale Strategie« ist es auch, die die Schweinegrippe-Sänger von anderen Musikern unterscheidet, die über aktuelle Themen singen. Denn dass in Amerika Leute zur Gitarre greifen und Lieder über soziale und politische Themen singen, die viele Menschen betreffen, hat eine lange Geschichte. In den Dreißigerjahren zog zum Beispiel Woody Guthrie als arbeitsloser Landstreicher durch die Staaten und schrieb Lieder über das Elend, das er unterwegs erlebte. Später wurde er mit diesen Songs bekannt. In den Sechzigerjahren sangen Joan Baez und Bob Dylan über und gegen den Vietnamkrieg. Und bis heute singen Punkbands und Liedermacher über Krieg, Armut und Elend – Themen, die man sonst nur aus den Medien kennt.
Während es diesen Musikern aber darum geht, Menschen zum Nachdenken zu bringen, hatten die Schweinegrippe- Sänger wie Ryan Erwin eine andere Idee: Sie wollten berühmt werden. »Die Songidee kam mir, weil ich dachte, dass man bestimmt leicht ins Fernsehen kommt, wenn man einen Song über die Schweinegrippe macht«, gibt Ryan Erwin zu. »Jeder hat Infos zu dem Thema bei Google gesucht, und das Fernsehen hat 24 Stunden am Tag darüber berichtet – deshalb habe ich das ausprobiert.« Fast 30.000-mal wurde der »Swine Flu Song« abgerufen. Das ist nicht besonders viel, wenn man es mit den ganz großen YouTube-Hits wie Tilman, der Skateboard fahrenden Bulldogge, oder Charly, dem bissigen Baby, vergleicht.
Aber es ist ein sehr gutes Ergebnis für jemanden, der zum ersten Mal ein Video ins Netz stellt. Vor allem wurde Ryan Erwins Lied tatsächlich schnell vom Fernsehen aufgegriffen, das kontinuierlich über das Virus berichtete und deshalb ständig neues Sendematerial brauchte. »Am am nächsten Tag lief mein Video schon im TV«, sagt Ryan Erwin. »Und später habe ich Fanpost von Leuten aus Ungarn, Frankreich und Spanien bekommen!« Von seiner persönlichen MySpace-Seite hat Erwin den Schweinegrippe-Song mittlerweile allerdings wieder gelöscht. Er ist zufrieden mit seinem ersten Internet-Hit, möchte den richtigen Durchbruch aber lieber mit etwas ernsthafterer Musik schaffen. Mit Freunden von der Uni spielt er heute in der Pop-Punk-Band Small City Calling – und singt nun über Liebe und das Leben im Süden Kaliforniens.
Webcode: @schweinegrippesongs











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