Vom Abenteuer der Liebe
Rebecca Martin ist erst 18 und hat schon einen Roman veröffentlicht. yaez traf die Autorin.
Schreibt über die Liebe: Rebecca Martin. Foto: Henrik Jordan
Ich sitze in der U-Bahn und frage mich, was man eine 18-Jährige fragt, die solche Worte schreibt. Eine, die einen Roman übers Erwachsenwerden und über die große Unsicherheit in dieser Zeit verfasst hat, ohne pathetisch zu werden. Eine, die knallhart hinschreibt, was andere in diesem Alter noch nicht einmal erleben: "Tobias steckt einen Finger in mich. Ich atme aus. Ich frage mich, warum das alle Männer immer wieder tun, den Finger reinstecken".
Was fragt man so eine Person? Auf dem Weg von der U-Bahn-Station zum Café entscheide ich mich, Rebecca Martin alles zu fragen, was ich über mich wissen wollte, als ich in ihrem Alter war. Ob sie an die große Liebe glaubt oder ob sie Angst vor der Zukunft hat. Ob sie selbstbewusst oder unsicher ist. Und was sie nach dem Abitur geplant hat.
Romane über das Erwachsenwerden sind für jede Generation so etwas wie sinnstiftend. Angefangen bei Goethes "Werther", Hesses "Unterm Rad" und Salingers "Catcher in the Rye". In der Literaturwissenschaft nennt sich das Adoleszenzroman. In den Neunzigern waren Benjamin von Stuckrad- Barre und Christian Kracht diejenigen, die mit ihren Texten das Erwachsenwerden erklärten. Und nun also Rebecca Martin. Das Thema ist klar: Jemand fühlt sich überfordert vom Leben, der Umwelt – und Männern.
Endlich also mal aus der Sicht einer Frau, dachte ich, als ich die ersten Seiten von "Frühling und so" las. Endlich erklärt mir ein Mädchen, wie es ist, jetzt und heute Liebeskummer zu haben, verliebt zu sein und One-Night-Stands zu haben. Rebecca Martin macht das großartig. Ihre Protagonistin Raquel ist nicht unbedingt eine Sympathieträgerin, aber in jedem Fall eine Figur, mit der sich Teenager identifizieren können. Sie lebt und liebt sich durch das Berlin der Gegenwart und ist irgendwie auf der Suche nach einem festen Freund – aber dann auch wieder nicht. Das scheint sie selbst nicht genau zu wissen.
"Ich schreibe über das, was mich selbst betrifft"
Rebecca Martin ist also nicht Raquel, aber Raquel erlebt vieles, was auch die Autorin vor noch nicht allzu langer Zeit durchlebt hat. Mit einer Zigarette in der Hand erzählt Rebecca, wie es zu ihrem ersten Roman kam: "Ich denke, besonders wenn man noch so jung ist wie ich, kann man am besten darüber schreiben, was einen selbst betrifft. Wenn ich davon erzähle, wie Raquel sich zum ersten Mal unsterblich verliebt, ist es natürlich hilfreich, dass ich mich vor nicht allzu langer Zeit selbst zum ersten Mal verliebt habe".
Sie erklärt, dass sie eine Geschichte schreiben wollte, mit der sich junge Mädchen identifizieren können. "Und vor allem wollte ich von der Sehnsucht erzählen, jede Sekunde des Lebens so intensiv wie Karamellbonbons zu schmecken".
"Frühling und so" erinnert an ein Tagebuch und genau so hat es auch begonnnen. Denn die brünette Rebecca nahm sich immer wieder ihr Tagebuch vor und hat Erlebnisse aus ihrer Vergangenheit modifiziert, damit sie in Raquels Leben passen. Teilweise habe sie sich dann so in das Vergangene hineingedacht, dass sie starke Gefühle wie Liebeskummer noch einmal durchlebt habe und tagelang schlecht gelaunt war. "Aber manchmal habe ich auch nachts um drei geschrieben, wenn ich von einer Party kam und das Erlebte sofort zu Papier bringen wollte", erklärt die Schülerin.
Rebecca und ich sitzen in einem Münchner Café und reden über die Liebe und das Leben. Und die Sehnsucht nach dem Richtigen. Rebecca glaubt, dass man Liebe nicht erzwingen darf und dass es die große Liebe geben kann, aber nicht muss. Für sie ist es kein Lebensziel, für immer mit einem Mann zusammen zu bleiben. Ein paar Minuten später erzählt Rebecca, dass sie sich mit 30 eine Familie vorstellen kann, ein Haus in England, aber dass sie auch Angst vor dem Scheitern hat.
Zwischen Mädchen und Frau
Das ist es, was Rebecca Martin zu einer Persönlichkeit macht: Sie scheut sich nicht davor, in einem Interview nicht mehr und nicht weniger als eine Abiturientin zu sein, die nebenher einen Roman geschrieben hat. Sie ist widersprüchlich, mal lustlos und skeptisch und dann wieder voll bei der Sache. Im Gespräch ist sie cool, dann aber erzählt sie davon, dass sie Angst vor Kritik an ihrem Buch hat. Rebecca Martin ist authentisch und genau so, wie ein Mensch sein sollte, der nicht mehr ganz Mädchen und noch nicht ganz Frau ist.
Ein Hybridwesen. Wenn nächstes Jahr das Abitur geschafft ist, möchte Rebecca ihre Heimatstadt Berlin verlassen und die Welt kennen lernen. Ein konventionelles Studium kann sie sich nicht vorstellen, kreativ sollte alles sein, mit dem sie sich beschäftigt. "Vielleicht schreibe ich ein Drehbuch oder arbeite beim Film", sagt Rebecca und nimmt einen Schluck aus ihrer Tasse. Auf jeden Fall möchte sie Gas geben, nicht erst ein halbes Jahr rumhängen. So, wie sie schreibt, lebt Rebecca Martin auch: "Ich haue alles raus, was ich zu bieten habe!"
"Frühling und so" ist keine Handlungsanweisung und soll dem Leser auch nichts mitgeben. "Wenn ich einen Film sehe und der will mir etwas mit auf meinen Weg geben, kriege ich das Kotzen. Ich möchte nicht belehrt werden." Und so kommt es, dass auch Rebecca keine Position einnehmen will. Mit ihren 18 Jahren stünde ihr das nicht zu, findet Rebecca.
Zurück in der U-Bahn denke ich, dass das Erwachsenwerden sich nie verändern wird. Und wahrscheinlich wird sie nie aufhören, die Unsicherheit, die Sehnsucht nach der Liebe und die Angst vor dem Scheitern. Egal, wie alt man ist.
Rebecca Martin „Frühling und so“ 320 Seiten, Paperback, 9.90 €, Schwarzkopf & Schwarzkopf











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